Das „Muster“-Untertagelager

Der Umbau des Kaliwerkes Bernterode zu einem Munitionsdepot des Heeres

Bernterode ist als Beispiel früher Untertageverlagerung, Einstieg der NS-Rüstungspolitik in die unterirdische Verbunkerung und Musterfall für zahlreiche weitere Verlagerungsmaßnahmen exemplarisch nachzuzeichnen. Wegen des rapiden Verfalls der Absatzmärkte für Kalisalz stellte die Kassler Wintershall AG die Produktion in ihrem Werk Bernterode am 7. März 1931 gänzlich ein, nachdem sie Anfang Februar 1930 bereits 121 der 460 Beschäftigten gekündigt hatte. Am 24. Mai 1934 besichtigten hohe Militärs und Vertreter der Wehrkreisverwaltung IX mit Sitz in Kassel die Schächte „Sachsen“ und „Preußen“ in der Absicht, Munition und Sprengstoffe zu lagern. Ein Novum in der deutschen Militärgeschichte. Schon 15 Monate nach der „Machtergreifung“ wurde hiermit eine Vorratshaltung von Munition weit über den Bedarf des vom Versailler Vertrag gestatteten Hunderttausend-Mann-Heeres hinaus begonnen, was nur als Beginn von Hochrüstung und Kriegsvorbereitung verstanden werden kann. Nach erfolgreichen Versuchen beschloss das Heer, den Bernteröder Schacht auf der Fläche von mehr als einem Quadratkilometer zu einem Modellprojekt unterirdischer Munitionslagerung auszugestalten. Die vom Heer veranlassten Untersuchungen ergaben, dass das Anlegen von Kammern im reinen Kalisalz wegen seiner hygroskopischen, also wasseranziehenden Wirkung, ausscheide. Einlagerungen im Stein- und Hartsalz, das den größten Teil des Salzstocks ausmacht, erwiesen sich dagegen als unbedenklich. Durch entsprechende Führung der Bewetterung ließen sich die besonders in größeren Tiefen des Bergwerks herrschenden Temperaturen auf 20 bis 29° C senken.

Anfang Oktober 1934 machte sich der Chef des Wehramtes im Reichswehrministerium Friedrich Fromm persönlich ein Bild vom Fortschritt der Probeeinlagerung unter Tage. Etwa zeitgleich unterbreitete die Wintershall AG dem Heereszeugamt Kassel ein erstes Angebot für den weiteren Ausbau der Grubenbaue (Martha-, Weller- und M-Strecke) zu einem unterirdischen Munitionsdepot. Den Aufwand bezifferte der Konzern mit etwa 30.000,00 RM. Die Offerte der Wintershall AG erfasste u. a. die Kosten der notwendigen Aufräumungsarbeiten, des Herrichtens der Lagerräume unter Tage, des Ausbaus des Füllortes Schacht Sachsen sowie des Einbaus einer Seilbahn in der M-Strecke sowie einer Fernsprechanlage für die gesamte Grube. Während 1934 bei den Vertragsverhandlungen noch vereinbart worden war, „dass nur die Grubenräume unter Tage für Einlagerungszwecke von der Heeresverwaltung in Benutzung genommen“ werden, setzte die Heeresverwaltung am 29. Oktober 1935, noch vor Baubeginn, bei einer Besprechung mit der Wintershall AG vor Ort die Nutzung der gesamten Anlage einschließlich der oberirdischen Gebäude durch.

Im November 1935 nahm die Wintershall AG die Umbauarbeiten unter Tage unverzüglich in Angriff, doch kam das Heereszeugamt in der Folge seiner aus der Auftragsvergabe resultierenden Zahlungsverpflichtung nur schleppend nach. Bis Anfang April 1936 war, bezogen auf die Bauvorhaben in Bernterode, Dingelstedt und Obergebra, ein Zahlungsrückstand von über 87.000,00 RM aufgelaufen. Am 1. April 1936 führte die Wintershall AG in einem an den Vorstand des Heereszeugamtes Kassel unmittelbar gerichteten Schreibens Beschwerde hierüber, in dem der Kalikonzern auszugsweise ausführte: „Wir haben bereits verschiedentlich dargelegt, dass wir Wert darauf legen, unsere Auslagen für sie so schnell wie möglich erstattet zu bekommen. Aus diesem Grunde ist es nicht angängig, diese Bauvorhaben erst nach deren Beendigung abzurechnen und die vorgelegten Beträge über die einzelnen Heeresmunitionsanstalten anzufordern“.

Nicht nur deshalb war das Verhältnis zwischen der Wintershall AG und der Wehrkreisverwaltung angespannt. So kam es im Juni 1936 erneut zu einer gewissen Verstimmung, nachdem sich die Heeresmunitionsanstalt weigerte, die Kosten für die Bewachung des Werkes zu tragen. Die Muna lehnte die Übernahme unter Verweis auf die ursprünglich getroffene Vereinbarung, die noch aus der Zeit vor der Übernahme der oberirdischen Gebäude resultierte, ab. Dem widersprach die Wintershall AG und erwiderte: „Bei den ersten Verhandlungen im Jahre 1934, die auch die Grundlage des Vertrages bildeten, waren wir der Auffassung, dass nur die Grubenräume unter Tage für Einlagerungszwecke von der Heeresverwaltung in Benutzung genommen würden und hierauf ist der Vertrag aufgebaut worden. Erst im Laufe der Zeit wurde uns bekannt gegeben, dass eine Vollmunitionsanstalt in Bernterode entstehen sollte, wozu die gesamte Anlage inzwischen Verwendung gefunden hat”. Bis Ende Oktober 1936 schwelte dieser Konflikt. Erst anlässlich einer Besprechung am 29. Oktober 1936 einigten sich die Kontrahenten auf eine Aufhebung der „Tarnung“.

Im Spätsommer 1936 waren die unterirdischen Kammern in Teilen bezugsfertig und die Einlagerung von Pulverbeständen, Sprengstoffen, Munition und weiteren Wehrmachtsgütern begann. Schon zwei Jahre später, am 24. November 1938, war der Schacht voll belegt. Erstmals im Herbst 1936 traten im Feld Preußen extreme Laugenzuflüsse von bis zu 2,5 Liter pro Minute auf, nachdem in den Abbauen die hangenden Ton- und Anhydritschichten in acht bis zehn Meter Stärke mit fortschreitender Tendenz hereingebrochen waren. Zum Schutz der Anlage waren die Abbaue durch Abfangen des Hangendenabsatzes und durch ein Unterbauen der hangenden Schichten mit Holz zu stabilisieren. Am 23. September 1936 forderte die Wintershall AG die Feldzeugverwaltung IX in Kassel auf, die Arbeiten durch die HMA Bernterode ausführen zu lassen und die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Am 22. April 1937 unterrichtete die Wehrkreisverwaltung IX die Wintershall AG darüber, dass die „Sicherungsarbeiten in den Abbauen 1 und 1a“ am 16. April 1937 begannen. Im November 1938 traten vergleichbare Probleme auch im Schacht Sachsen auf.

Die Arbeiten über Tage (Bauvorhaben 9138), die im Vergleich zum Ausbau der unterirdischen Grubenbaue weitaus langsamer vorankamen, waren 1938 noch immer nicht vollendet. So sah das Bauprogramm des Heeres für 1938 den Ausbau der alten elektrischen Zentrale als Lagerhaus für Packgefäße und den Abbruch der Chlorkaliumfabrik wegen Einsturzgefahr nach vorheriger Zustimmung von Wintershall vor. Am 19. und 26. März 1938 ließ die Muna die Förderkörbe der beiden Schächte auswechseln; daran nahmen zu Lehrzwecken auch Vertreter der umliegenden Heeresmunitionsanstalten Obergebra, Wolkramshausen und Kleinbodungen teil. Den endgültigen Nutzungsvertrag über die gesamte Anlage ratifizierten die Wintershall AG und der Reichsfiskus Heer allerdings erst Mitte März bzw. Ende Juli 1939, dies rückwirkend für den Zeitraum ab Juli 1934. Von 1938 bis 1940 richtete die HMA Bernterode eine beachtliche Anzahl weiterer unterirdischer Räume zur Munitionseinlagerung ein. Am 7. August 1938 erklärte die Wintershall AG ihr Einverständnis damit, „dass auf der Anlage Bernterode im Felde Preußen an Abbau 9 bzw. an der E-Strecke” neue Räume aufgefahren werden. Bezogen auf die unmittelbar nordwestlich des Schachtes Preußen geplante Strecke lehnte die Wintershall AG die Auffahrung aus sicherheits- und fördertechnischen Gründen in Eintracht mit dem Heeresbauamt Nordhausen ab. Als Alternative schlug der Kalikonzern vor, neue Strecken in südlicher Richtung in der Nähe des Schachtes Preußen in Angriff zu nehmen. Im September 1940 akzeptierte die Wintershall AG den Aufschluss von sechs zusätzlichen Arbeits- und Lagerräumen im Bereich der Seilbahnstrecke im Abbau 9.

Ende Mai 1942 stand wegen der erneut aufgetretenen Laugenzuflüsse der Fortbestand der Heeresmunitionsanstalt insgesamt in Frage. Die vom Wirtschaftsministerium beauftragten Gutachter rechneten „beide mit einer Katastrophe im Felde Sachsen“, gingen aber von einer lokalen Gefährdung ohne Beeinträchtigung des Feldes Preußen aus. Alarmierend befuhren am 29. Mai 1942 Vertreter des OKW, des Wirtschaftsministeriums (Lindemann, Sengling), der Wehrkreisverwaltung (Milde), des Heeresbauamtes (Zuckriegel) und der HMA Bernterode (Gerber und Gräbe) das Feld Sachsen. Das Gremium kam zum vorläufigen Ergebnis, dass zukünftige Belegungen nur noch im Felde Preußen stattfinden können und schnellstmöglich eine leistungsfähige Laugenhochdruckpumpe zu beschaffen sei. Ungeachtet der Dringlichkeit nahm die HMA Bernterode erst im September 1943 die dringend erforderlichen Sicherungsmaßnahmen im Feld Sachsen in Angriff und ließ eine Pumpenkammer mit Laugenbehälter inklusive Pumpen und Steigleitungen einbauen. Das Bergamt Weimar unterrichtete das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld am 25. September 1943 davon, dass wegen „der besonderen Verhältnisse auf der Heeresmunitionsanstalt Bernterode nicht auf die Ausführung der Arbeiten verzichtet werden“ könne.

Zur Bernteröder Anlage gehörte im nahen Schmalenbachtal ein Munitionsarbeitsgebiet („Fertigungsgebiet“ oder „F-Gebiet“), bestehend aus einem Lagerhaus, fünf Munitionsarbeitshäusern, einem Löthaus, zwei Handmunitionshäusern und einem Wohlfahrtsgebäude, dessen Bau Anfang 1936 begann. Im Herbst 1937 waren die Bauarbeiten abgeschlossen und vorwiegend weibliche Arbeitskräfte aus der Region Nordhausen, später auch Ausländerinnen, konnten ihre Arbeit aufnehmen. In fünf räumlich getrennten Arbeitshäusern und zwei Handmunitionshäusern ließ die Muna Geschosse mit Zünder und Zündladung versehen sowie Kartuschen, unter anderem für 10,5-cm-Feldhaubitzgranaten, herstellen. Das ging in mehreren Arbeitsschritten vonstatten. Aus Leinenstoff hergestellte Kartuschenbeutel wurden zunächst mit der vorgesehenen, zuvor abgewogenen Pulvermenge gefüllt, anschließend zugenäht und in die Pappkartusche eingelegt, diese mit dem Kartuschedeckel verschlossen und als Letztes die Zündschraube eingedreht. Um selbst den geringsten Funken zu vermeiden, durften die Arbeitsräume nur mit Filzpantoffeln betreten werden; andere Arbeitsunfälle waren unvermeidlich. Nach Durchführung der Endkontrolle und der Verpackung in Transportkisten lagerte die „Muna“ die fertigen Chargen in den Kammern des Schachtes ein. Ab 1939 verlegte das OKH sukzessiv einen Teil der Munitionsarbeitsräume aus dem Munitionsarbeitsgebiet nach unter Tage.

Spätestens Anfang 1941 richtete die Muna Bernterode einen Fahrbetrieb ein und ließ ihre in den umliegenden Ortschaften wohnenden einheimischen Arbeitskräfte einen Fahrdienst einrichten. Am 18. März 1941 unterzeichnete die Muna einen Kooperationsvertrag mit dem Kaliwerk Bischofferode über die Mitbenutzung von Omnibussen durch das Kaliwerk Bischofferode. Je weiter der Krieg voranschritt, desto mehr männliche Arbeitskräfte gingen durch die Einberufung an die Front verloren. Die Lücken schloss die HMA Bernterode durch den Einsatz ausländischer Fremd- und Zwangsarbeiter. Für sie stellte die Muna auf dem Werksgelände unmittelbar an der heutigen Bundesstraße 80 fünf Baracken (davon drei Wohnbaracken) auf und umzäunte dieses Lager mit Stacheldraht. Ende März 1943 trafen in Bernterode etwa 200 Franzosen ein, die wenige Tage zuvor nach dem französischem Gesetz vom 16. Februar 1943 zum Arbeitsdienst im Deutschen Reich, dem „Service de Travail Obligatoire“ (STO), eingezogen worden waren. Viele kamen aus Nordfrankreich, andere aus der Gegend um Lyon, Bordeaux oder aus der Bretagne.

Einer der so zum Arbeitsdienst ausgehobenen Franzosen war Pierre Laurent. Er verließ Bordeaux am 23. März 1943 per Bahn und erreichte nach mehrfachem Umsteigen am 27. März Bernterode. Laurent lege seine Erlebnisse bis zu seiner Repatriierung am 17. Mai 1945 handschriftlich in einem Tagebuch nieder. Er empfand die Arbeitsbedingungen, vor allem in den ersten drei Monaten, als extrem hart. Gemeinsam mit seinen Leidensgenossen arbeitete er täglich neun Stunden, im wöchentlichen Wechsel in Tages- oder Nachtschicht. Die Männer waren vorwiegend in der Munitionsproduktion im Schmalenbachtal sowie im Schacht selbst mit der Einlagerung von Pulver- und Munitionskisten sowie Kriegsmaterial befasst. Für ihre Tätigkeit erhielten sie Lohn und konnten das Lager tagsüber ohne Einschränkungen verlassen. So bestand die Möglichkeit, bei umliegenden Bauern zu helfen und dadurch die Lebensmittelrationen aufzubessern. Laurent teilte sich mit 22 weiteren Personen eine Baracke, in der Etagenbetten mit einer Matratze aus Papierflies standen. Die Verhältnisse waren beengt. Neben den Unterkünften befand sich eine Freifläche, in die eine große Betonscheibe mit einem aufgemalten Adler vor blau-weiß-rotem Hintergrund eingelassen war. Sie trug am Rand die Propagandaparole „Wir arbeiten gemeinsam für Europa“.

Bei Ankunft der Franzosen im März 1943 waren in der Heeresmunitionsanstalt Bernterode vierzig „Ostarbeiterinnen“, vermutlich Ukrainerinnen, tätig. Über ihre Unterbringung und ihre Lebensbedingungen liegen keine verlässlichen Angaben vor. Ab Sommer 1943 ist die Beschäftigung weiterer russischer Zwangsarbeiter, viele von ihnen bei der Ankunft gerade einmal 16 Jahre alt, nachgewiesen. Zu ihnen gehörten Oleg Stepanow, Wladimir Senkewitsch, Viktor Gosdzky, Leonid Corgum und Pawel Poltreak, die am 5. November 1943 einen Fluchtversuch unternahmen, gefasst und der Gestapo in Erfurt übergeben wurden, die sie in „Erziehungshaft“ steckte. Erst am 4. Februar 1944 kehrten sie nach Bernterode zurück. Am 23. April 1944 verstärkten 50 als „Badoglios“ diffamierte italienische Kriegsgefangene das Personal der „Muna“. Sie waren gemeinsam mit den Franzosen im Barackenlager untergebracht, jedoch wesentlichen Repressalien und Beschränkungen unterworfen. Gegen Ende des Krieges – ein genaues Datum ist nicht bekannt – griff die Heeresmunitionsanstalt auf polnische Zwangsarbeiterinnen zurück, die das Arbeitsamt aus anderen Betrieben abzog. Ohne Rücksicht auf ihre körperliche Verfassung verrichteten sie Schwerstarbeit. Zofia Zaleska, die zuvor bis Dezember 1944 im Polte-Werk in Duderstadt tätig war, erinnert sich: „Gegen Ende des Krieges brachte man uns in eine neue Fabrik, die unter der Erde lag; das war ein ehemaliges Salzbergwerk. Wir fuhren mit der Winde runter. Auch dort erhielten wir Munition von der Front. Wir mussten die Munition reinigen und auf Loren verladen und selbst rauffahren. Diese Arbeit war sehr schwer. Es war kaum Luft, die Augen schmerzten“.

Im Herbst 1944 wurden 200 Stahlfässer mit „Z-Stoff“ in die Martha-Strecke auf der 540-m-Sohle des Bernteröder Kaliwerkes eingelagert. Dabei handelte es sich um flüssiges Natriumpermanganat (NaMnO4), das in der Raketentechnik als Starthilfsstoff Anwendung fand. Dieser „Z-Stoff“ wurde in Bernterode vermutlich wegen der Nähe zu den geplanten Raketen-Abschussrampen in Keula und Hüpstedt vorgehalten. Aus Geheimhaltungsgründen schafften nur Wehrmachtsoffiziere die Stahlfässer an ihren Bestimmungsort unter Tage. Die zivilen Arbeitskräfte der Muna sollten von dem Vorgang keine Kenntnis erhalten. Aus demselben Grund durften die Wehrmachtsoffiziere sich beim Transport der Fässer lediglich durch Gummihandschuhe schützen; weitere Sicherheitsvorkehrungen wären aufgefallen. Nach Kriegsende kam das Gerücht auf, die Fässer enthielten chemische Kampfstoffe. Auch den Alliierten wurden Hinweise zugetragen, in den Grubenbauen befänden sich „giftige Chemikalien“ (poisonous chemicals). Am 1. Juni 1945 inspizierte daraufhin eine amerikanische Spezialeinheit die Fässer in der Martha-Strecke. Wenige Tage später, am 4. Juni 1945, meldete der ‚Chemie-Offizier‘ seiner vorgesetzten Stelle, dass sich der Verdacht auf Kampfstoffe nicht bestätigt habe.

Am 14. März 1945 schaffte ein Sonderkommando der Wehrmacht unter Leitung von Oberleutnant Peter Kraske die Särge Paul von Hindenburgs und seiner Frau sowie der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I und Friedrich II aus dem unterirdischen Befehlsstand des Luftwaffenchefs Göring in Eiche bei Potsdam nach Bernterode, um sie nach Anweisung der Muna-Feuerwerker in einer unterirdischen Kammer einzulagern, die danach zugemauert wurde. Bei diesem Einsatz waren nur einige ausgewählte Mitarbeiter der Muna tätig, der Rest hatte sich in den Speiseraum zu begeben, um keine Kenntnis zu erhalten, was da deponiert wurde. Einige Tage später folgten die Akten des Katasteramtes Kassel, die Preußische Staatsgalerie, die Bibliothek von Sanssouci, der Hohenzollern-Kronschatz, wertvolles Porzellan und 271 Gemälde. Zudem sollen Akten des Auswärtigen Amtes eingelagert worden sein. Am 10. April 1945 besetzten amerikanische Truppen die Heeresmunitionsanstalt Bernterode, in der der Betrieb noch bis in die Mittagsstunden aufrechterhalten worden war. Gleichwohl fuhren sie zunächst nicht in den Schacht ein, offenbar, weil die Verantwortlichen den eingelagerten Munitionsbeständen keine Bedeutung beimaßen. Am 27. April 1945 traf dann eine Spezialeinheit der 1. US-Armee in Bernterode ein und inspizierte noch am selben Tag die unterirdischen Grubenbaue. In einem Nebenschacht stieß das Inspektorenteam auf die zugemauerte Kammer mit den Särgen und Kunstschätzen. Am 1. Mai 1945 schaffte die 1. US-Armee den Hohenzollern-Kronschatz zunächst in ihr Hauptquartier und einen Tag später zur Reichsbank nach Frankfurt. Zwischen dem 3. und 9. Mai 1945 barg eine Spezialeinheit die vier Särge und die anderen Kunstgegenstände und transportierte sie in das Marburger Landgrafenschloss.

Am 2. Juli 1945 zogen die amerikanischen Truppen ab und übergaben die bis auf die abtransportierten Kunstschätze unberührte Anlage der russischen Armee. Zu diesem Zeitpunkt lagerten noch mehrere hundert Tonnen Sprengstoff und weiteres Heeresmaterial in den Schächten. Bereits Ende Mai 1945 machte Oberbergrat Schulze die amerikanische Militärregierung auf die Gefahren aufmerksam, die mit der Lagerung großer Mengen Munition verbunden waren, fand aber keine Beachtung. Zwei Tage nach Abzug der Amerikaner geriet ein auf dem Werksbahnhof abgestellter Munitionszug in Brand; mehrere Explosionen erschütterten das Schachtgelände. Die oberirdischen Anlagen, vor allem in der Nähe des Hauptherdes am Lokschuppen und am Werkstattgebäude, wurden zerstört und brannten aus. Vom Werkstattgebäude, dem Lok- und dem Rohsalzschuppen blieben nur noch die Grundmauern. Ebenso wurde die Fördereinrichtung des Schachtes Preußen schwer beschädigt. Das Fördergerüst brach zusammen, die Seile rissen und die Förderkörbe stürzten in die Tiefe. Der westliche Teil vom Dach der Fördermaschine Sachsen war auf den Führerstand und die Anlasseraggregate gefallen, so dass auch dieser Schacht nicht mehr benutzt werden konnte.

Im Oktober 1945 ließ die Militärregierung den zerstörten Schacht Preußen abdeckeln, während der weniger beschädigte Schacht Sachsen zur Auslagerung der Munitionsvorräte erhalten blieb. Am 13. und 14. November 1945 besichtigten Vertreter der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) beide Schächte. Im Anschluss daran erteilte der zuständige Offizier, Oberstleutnant Maschkileisson, dem Thüringischen Landesamt für Wirtschaft den Befehl, die nötigen Maßnahmen zur Räumung der Heeresmunitionsanstalt Bernterode und Auslagerung der Restbestände zu treffen. Wegen Laugeneinbrüchen musste die Schachtanlage jedoch zunächst leergepumpt werden. In einem Schreiben der „Abwicklungsstelle“ Bernterode an das Landesamt für Wirtschaft in Weimar vom 20. Dezember 1945 werden die durchzuführenden Arbeiten aufgeführt: „Es sind von Untertage rund 900 t Munition, Munitionsteile, Pulver usw. nach Übertage zu fördern und von dort nach einer etwa vier km entfernt liegenden Wiese mittels Pferdegespannen zu transportieren. Auf der Wiese erfolgt die Stapelung der Munition usw. getrennt nach Arten. Für die Arbeiten in einer Schicht sind rund 100 Mann erforderlich. Da die Förderung nur mittels des Schachtes ‚Sachsen‘ (Reserveschacht) durchgeführt werden kann, dessen Förderleistung in acht Stunden ca. 30 bis 40 t beträgt, ist mit einer Arbeitsdauer von rund neun Monaten zu rechnen“.

In der Zeit vom 16. Dezember 1945 bis zum 15. März 1946 fielen für die Auslagerung von Munition und die Instandsetzung der Schachtanlage Kosten von 72.500 RM an, die die Landesbank Thüringen beglich. Im Spätsommer 1946 wurden die letzten Munitionsbestände aus der Schachtanlage geborgen und auf diversen Sprengplätzen im Umkreis von etwa drei Kilometern vernichtet. Der größte Platz dieser Art befand sich am Südhang der Harburg, nördlich des Stöcksberges. Weitere Sprengungen erfolgten am Nordrand der Hohlenbach-Wiese nahe beim Fertigungsgebiet. Die Produktionsgebäude im Schmalenbachtal, die von der Explosion im Juli 1945 kaum betroffen waren, wurden in Ausführung des Demontagebefehls 168 der SMAD Thüringen geleert und abgebrochen. Bis auf wenige heute noch überall im Gelände verstreute Trümmerreste blieb wenig erhalten; nur das Lagergebäude A wurde teilzerstört zurückgelassen. Der VEB Cottana Mühlhausen betrieb darin bis zur Wende 1990 eine Weberei.

1951 wurde der Schacht Sachsen abgedeckelt und die Laugenhaltung eingestellt, so dass es zwangsläufig zu einem Absaufen des Bergwerks Bernterode kam. Da die Hartsalzvorkommen im östlichen Baufeld, den vom VEB Karl Marx Sollstedt bewirtschafteten ehemaligen Grubenfeldern Kraja, Gebra, Sollstedt und Neusollstedt zurückgingen, wurde in den 1970er Jahren eine Verlagerung der Förderkapazität in das westliche Baufeld Haynrode-Kirchohmfeld geplant, die bis 1982 abgeschlossen sein sollte. In diesem Zusammenhang sollte die zwischenzeitlich vollgelaufene Schachtanlage Bernterode wieder zu Ehren kommen und zur Bewetterung des neuen Grubenfeldes und als Materialzubringer (Schacht Preußen) dienen. Dazu bedurfte es einer Absenkung des Laugenspiegels. Um das zu bewerkstelligen, begannen 1974 umfangreiche und mehrjährige Rekonstruktionsarbeiten. Am 15. und 23. Februar 1977 stießen Arbeiter in einer Tiefe von 456 m auf zwei 10,5-cm-Granaten. Da mit weiteren Funden dieser Art zu rechnen war, wurden die Arbeiten am Schacht Preußen eingestellt, die am Schacht Sachsen aber in vollem Umfang fortgesetzt. Im Sommer 1998 entdeckten Bauarbeiter bei Erdarbeiten für ein neues Industriegebiet im Schmalenbachtal ein Massengrab. Zwar wurde in Öffentlichkeit und Lokalpresse spekuliert, es könne sich bei den Toten um erschossene Zwangsarbeiter handeln; Hinweise darauf wurden jedoch nicht gefunden.

(c) Frank Baranowski 2016.