Lager und KZ-Außenkommandos der Junkers-Werke Halberstadt

Seit 1935 gab es Vorstöße des Junkers-Konzern, die Produktion noch über den Rahmen des vom RLM zum Aufbau der Luftfahrtindustrie vorgegebenen Rahmens (Industrierüstungsgrundlagen 38) auszudehnen. Um Kriegsflugzeuge nach modernsten Kriterien in Serie zu produzieren, begann Junkers bereits im Januar 1934 mit dem Bau eines neuen Stammwerkes in Dessau und rief daran anschließend weitere Werke für einzelne Flugzeug-Baugruppen ins Leben. Dem lag der innovative Gedanke zu Grunde, dass ein Werk nicht ganze Flugzeuge bauen, sondern aus der Palette der Produktionsgruppen Rumpf, Tragflächen, Leitwerk und Triebwerksgerüst nur noch eine oder maximal zwei herstellen sollte. Zum Junkers-Gefüge gehörten die Werke Aschersleben (Rümpfe), Halberstadt (Flächen), Leopoldshall (Leitwerke) und Schönebeck (Zerspanung); am Standort Bernburg wurden die Einzelkomponenten montiert.

Die Geschichte des Halberstädter Tragflächenwerkes geht auf das Jahr 1935 zurück, in dem sich Junkers auf dem Gelände der Berlin-Halberstädter Industriewerke im Bereich der Klus- und der heutigen Rudolf-Diesel-Straße niederließ. Junkers errichtete dort moderne Großhallen, in denen nur wenige Monate später, und zwar ab 1936, die Produktion von Flugzeugtragflächen anlief. Das Werk bestand aus sechs bis sieben Werkhallen und mehreren Nebengebäuden, darunter zwei für den Tragflächenbau und jeweils eine für den Vorrichtungsbau und die Montage der Flügel. Schon im Dezember 1938 standen 3.139 Beschäftigte an den Werkzeugmaschinen des Halberstädter Werkes und produzierten vorwiegend Tragflächen, zuletzt für die Ju 88, sowie Rumpf-Hinterteile für den Junkers-Nachbau der He 162. Ende 1943 zählte das Werk etwa 4.500 Personen. Im Folgejahr waren es bereits 6.000, darunter mindestens 2.600 ausländische Zivil- und Zwangsarbeiter, vor allem 740 Belgier, 790 Franzosen, 570 Russen, 380 Italiener und 100 Polen.

Mit einer weiteren Ausdehnung der Produktion, die von 1942 bis 1944 zu einer Verdoppelung des Ausstoßes von Tragflächensätzen von 1.800 im Jahr 1942 auf 3.600 im Jahr 1944 führte, stieg der Bedarf an Arbeitskräften noch weiter an. Um die zusätzliche Nachfrage nach Unterkünften für die Unterbringung von weiteren Mitarbeitern zu decken, forderte die Bezirksstelle Magdeburg der Landesplanungsgemeinschaft am 6. August 1943 den Wernigeröder Landrat dazu auf, sämtliche „leerstehende Hauswirtschaftssäale und sonstige Versammlungsräume für eine vorsorgliche Inanspruchnahme für kriegswichtige Zwecke“ zu benennen. Die zuständige Rüstungsinspektion nahm am 25. August 1943 Stellung: „Die Rüstungsindustrie hat vom Reichsminister für Bewaffnung und Munition die Auflage, ihre Fertigung und Lager aufzulockern und an anderen Orten unterzubringen. Im Zuge dieser Maßnahmen haben die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG, Zweigwerk Halberstadt“ vier Lokale als Lager angemietet, nämlich die Gasthöfe „Zum Gemeindekrug“ in Minsleben, „Prinz von Preußen“ in Ströbeck und Keye in Derenburg sowie die Turnhalle in Heudeber. Auch der Saal der Gaststätte „Zum Forsthaus“ in Langenstein diente als Unterkunft für ausländische Junkers-Arbeitskräfte, die keinen Reglementierungen unterworfen waren und sich frei bewegen konnten.

Im direkten Umfeld zum Junkers-Tragflächenwerk hatte der Flugzeugbauer ein Konglomerat weiterer Lager geschaffen. Das „Werkheim Göbel“ im Breiten Weg 49 bestand aus bis zu 40 Baracken mit Speisesaal und Kantine. Das Lager grenzte unmittelbar an das Werk an und war mit einem etwa 2,50 m hohen Stacheldrahtzaun umgeben, dessen oberer Teil nach innen abgewinkelt war. Ein Tor im Zaun stellte einen direkten Zugang zwischen Lager und Fabrik sicher. Die ausländischen möglicherweise teils freiwilligen Arbeiter – darunter eine Vielzahl an Belgier – behielten ihre zivile Kleidung und trugen während der Arbeit Latzhosen. Für den 28. Juni 1943 ist die Ankunft eines größeren Transports Belgier belegt. Im Annex der Junkers-Werke befand sich auch das Lager Molkengrund Ost II, das ebenfalls mehrere Holzbaracken zählte, die mit einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaum umgeben waren. Von Ende März 1944 bis Ende September 1944 waren einige Baracken dieses Lagers ausschließlich für Belgier vorgesehen. Ein Teil der Baracken, die nicht gesondert abgetrennt waren, dienten zumindest zeitweise auch als ‚Erziehungslager‘. Ihre Insassen trugen als Erkennungszeichen auf ihrer Zivilbekleidung auf dem Rücken und am rechten Bein einen Blitz. In diesem „Blitzkommando“ waren ‚Widerständler‘ oder Personen, die u. a. wegen ‚Arbeitsvertragsbruch‘ verhaftet oder verurteilt wurden. Während der ersten drei Monate war es ihnen verboten, das Lager außerhalb der Arbeit zu verlassen.

Danach wurden die Insassen des Straflagers wie freie Arbeiter („travailleurs libres“) betrachtet; ab dann war Ausgang in einem beschränkten Umkreis unter Vorlage des Ausweises bis 22 Uhr gestattet. Der erste Transport mit Gefangenen traf im März 1944 in Halberstadt ein. Sie waren zunächst im Halberstädter Junkers-Werk beschäftigt, bevor sie später teilweise nach Torgau, Brottewitz und Kleinwangen verlegt wurden. Beim Luftangriff am 30. Mai 1944 wurde eine Baracke des Erziehungslagers, in der 40 Belgier inhaftiert waren, zerstört. Die Gefangenen wurden daraufhin in eine andere Baracke verlegt, dort aber weiterhin bis Ende Juni 1944 wie Strafgefangene behandelt.

Selbst die vom Junkers-Tragflächenwerk in Halberstadt 1943 vermehrt verpflichteten ausländischen Arbeitskräfte reichten nicht aus, den Arbeitsanfall zu bewältigen. Wie bei Junkers üblich griff man daher auch hier auf KZ-Häftlinge zurück. Am 26. und 31. Juli 1944 trafen zwei Transporte mit jeweils 250 Häftlingen aus dem Junkers-Außenkommandos Schönebeck im Halberstädter Außenkommando „Juha“ ein. Am 1. August 1944 machte Obersturmführrer Alexander Borell – Lagerführer des Außenkommandos Schönebeck – dem Buchenwald-Büro ‚Arbeitseinsatz‘ Meldung, der Transport wäre inzwischen in Halberstadt eingetroffen, er habe 40 Männer zur Bewachung abgestellt und als stellvertretenden Kommandoführer vorläufig einen Feldwebel Thinius eingesetzt. Nach Angaben des französischen Häftlings Paul Le Goupil, der am 12. September 1944 mit einem Transport von 250 Häftlingen aus Buchenwald nach Halberstadt überstellt wurde, befand sich das Außenkommando am Ausgang der Stadt, an der Straße nach Quedlinburg in der Nähe der Eisenbahnlinie und nur einige hundert Meter von der Junkers-Fabrik entfernt. Es bestand aus vier Baracken mit Stacheldrahtumzäunung. In der Mitte befand sich ein Appellplatz. Offenbar hatte Junkers für die Unterbringung der KZ-Häftlinge einen Teil seines Barackenlagers Molkengrund Ost II räumen lassen. Bis Ende des Jahres stieg die Zahl der Lagerinsassen auf bis 900, u. a. durch einen weiteren Transport aus Buchenwald mit 250 Häftlingen, der am 12. Dezember 1944 eintraf. Für seine KZ-Arbeiter entrichtete Junkers Halberstadt im November des Jahres 85.426 RM und für Dezember 83.954 RM an die SS.

Die KZ-Häftlinge verrichteten zumeist in Halle 3 Zwangsarbeit, wo auf mehreren Taktstraßen Tragflächenteile vorwiegend für die Ju 88 produziert wurden. Sie arbeiteten 12 Stunden in Wechselschicht, eine Woche tags, die nächste nachts. Bei nächtlichem Luftalarm wurden die KZ-Arbeiter in der Fabrik eingesperrt; nur die anderen Arbeiter durften in die Luftschutzkeller. Ende Oktober wurden 254 Junkers-Häftlinge als Facharbeiter geführt; sie waren „ausschließlich als Nieter und Bohrer im Flugzeug-Tragflächenbau eingesetzt“. Bedingt durch ein Überangebot fertiger Tragflächen und fehlender Zulieferteile wurden ab Ende 1944/Anfang 1945 Häftlinge des Außenkommandos Halberstadt aus der Produktion abgezogen und zu Bautätigkeiten eingesetzt. Gleichzeitig verschlechterte sich die Verpflegungssituation. Le Goupil erinnert sich, dass die Nahrung zu Beginn des Jahres 1945 immer spärlicher wurde. 1,5 Kilogramm Brot musste nunmehr nicht mehr für vier, sondern für fünf und bald für sechs Portionen“ reichen. Am 1. Januar 1945 zählte das Kommando 944 Insassen, am 1. Februar 1945 werden nur noch 690 Häftlinge als Lagerstärke genannt. Die fehlenden 250 Häftlinge waren am 12. Januar 1945 zum Kommando Malachit, dem wenige Kilometer entfernt liegenden Außenkommando Langenstein-Zwieberge, überstellt worden. Am 22. April 1945 wurden weitere 240 Häftlinge des Juha-Lagers nach Langenstein verlegt, darunter auch Le Goupil. Sie wurden jedoch nicht dem Baukommando, sondern dem Lager der Malachit AG zugeteilt, in dem Fachkräfte für die bevorstehende Aufnahme der Flugzeugproduktion im Thekenberg zusammengezogen wurden.

Ende März 1945 zählte das Juha-Kommando nur noch 442 Gefangene. Nach dem Bombenangriff vom 8. April, der die Stadt in Schutt und Asche legte, wurde das Lager am Folgetag gegen 16 Uhr geräumt. Am Abend zuvor fuhr die SS die Kranken in das Lager Langenstein-Zwieberge. Dort blieben sie, sofern sie überlebten, bis zur Befreiung. Über den Routenverlauf des Evakuierungsmarsches ist wenig bekannt. Die UNRRA recherchierte verschiedene Routen, von denen eine nach Gießen führt. Nur eine lässt sich bisher verifizieren, sie geht bis nach Borstendorf im Erzgebirge. Vermutlich wurden die Kolonne dem Zug des Lagers Langenstein-Zwieberge angeschlossen. Marschiert wurde überwiegend nachts, da die amerikanischen Truppen in der Nähe waren und die Kolonne tagsüber Ziel von Fliegerangriffen wurde. Das Marschtempo war mörderisch, die Verpflegung unzureichend: viele starben vor Entkräftung. Am 1. Mai 1945 ließen die SS-Begleiter eine Kolonne holländischer und belgischer Gefangener frei, die Franzosen ließen sie in Borstendorf in eine Scheune sperren. Am 4. Mai waren die Wachmannschaften verschwunden, die Häftlinge frei.

Das Halberstädter Tragflächenwerk war ab 1944 das Ziel von vier alliierten Bombenangriffen. Die ersten beiden am 11. Januar und 22. März verursachten vergleichsweise geringe Schäden, am 30. Mai 1944 jedoch gab es erhebliche Gebäudeverluste. Die Montagehalle der Ju 88 wurde zu 70 %, der Aggregatbau zu 85 % sowie die Teilewerkstatt, der Vorrichtungsbau und die Abstellhalle zu 90 % zerstört. Alle drei Gebäude wurden nicht wieder aufgebaut. Das Pförtnergebäude und die alte Versandhalle lagen vollständig in Trümmern, die Lehrwerkstatt zu 45 %. Das letzte Bombardement am 8. April 1945 legte das Werk vollständig in Schutt und Asche. Doch hatte Junkers bereits frühzeitig Vorsorge getroffen und aus Angst vor möglichen Luftangriffen wesentliche Teile der Produktion dezentral verlagert, so dass der „schwere Angriff am 30. Mai 1944 für den Fortgang der Produktion nur einen geringen und kurzfristigen Ausfall“ bedeutete. So vergab Junkers bereits Ende 1943 zahlreiche Aufträge an Unterlieferanten, die Montage frühzeitig nach Brottewitz an der Elbe (Deckname Zellmehlwerke) und nach Kleinwangen auf das Gelände der Vereinigten Kaliwerke Salzdethfurth AG, Werk Roßleben (Deckname Verladebetrieb Kleinwangen), verlegt.

In Brottewitz waren auf 4.500 qm bis zu 420 Arbeitskräfte und in Roßleben auf 5.100 qm über 600 Personen für den Halberstädter Flugzeugbauer tätig. Auf dem Gelände der Möbelfabrik Bell in Mühlberg an der Elbe, etwa 150 km von Halberstadt entfernt, fand die Abteilung Vormontage mit 30 Arbeitskräften Unterschlupf. Die Fertilia Chemische Werke AG, Salzwedel, nahm auf 6.000 qm mit 150 Mitarbeitern den Bereich Flächenumbau auf. Die Gebrüder Höppner, Plauen, produzierten mit 225 Beschäftigten die Tragflächen-Unterhaut. Die Ziegelei Becher in Blankenburg/Harz nutzte Junkers Halberstadt als Lager. Im zentralen Halberstädter Werk waren lediglich der Vorrichtungsbau und die Hälfte der Endmontage verblieben, so dass die Luftangriffe trotz der Zerstörung von Bausubstanz geringe Produktionsausfälle zeitigten; die Produktion ging weiter und konnte sogar noch gesteigert werden.

Neben der oberirdischen Verlagerung einzelner Betriebsabteilungen zog es Junkers zum Schutz vor Bombenangriffen der Alliierten frühzeitig ins Kalkül, wichtige Teile der Produktion nach unter Tage zu verbringen. So erstreckten sich die Ambitionen auf zwei räumlich getrennte Höhlenkomplexe außerhalb von Halberstadt, und zwar im Bereich des Felsenkellers (Deckname Makrele I) und an der Sternwarte (Deckname Makrele II). Im Herbst 1943 richtete Junkers sein Augenmerk zunächst auf die fünf Sandsteinhöhlen am ‚Felsenkeller‘. Pächter von zwei der Höhlen war der Champignon-Züchter Nikolaus Mann, eine weitere stand leer, in den beiden anderen lagerte das Proviantamt der Stadt Halberstadt Kartoffeln ein. Ende November 1943 legte Junkers dem Generalluftzeug-Planungsamt des Luftfahrtministeriums einen Investitionsantrag vor, der die Einbeziehung der vorhandenen Höhlen in ein zu bauendes Stollensystem, das Werk „Klusberge“, vorsah. Es sollten 14 Stollen, 30 bis 100 m lang und fünf bis 10 m breit entstehen. Die reinen Baukosten für eine vorgesehene Nutzfläche von 5.000 qm veranschlagte Junkers auf 500.000 RM. Dabei befand sich die Eignung der Anlage für eine Verlagerung noch in der Überprüfung.

Am 17. Dezember 1943 besichtigte Prof. Dahlgrün vom Reichsamt für Bodenforschung die Örtlichkeit, in seinem Gefolge der spätere Bundespräsident Heinrich Lübke, der als Mitarbeiter des Architektur- und Ingenieurbüros Schlempp für die Organisation Todt tätig war. Noch am gleichen Tag erteilte das RLM den Verlegungsbescheid; so konnte Junkers umgehend die Firma Nikolaus Mann aus den Höhlen verdrängen. Die vertragliche Grundlage, ein Nutzungsvertrag mit dem Champignonzüchter, wurde allerdings erst Anfang 1945 rückwirkend für den Zeitraum seit dem 1. Februar 1944 geschaffen. Der Firma Mann wurde darin eine jährliche Entschädigung von 2.275,00 RM zugesichert. Die Niederlassung Halle der Düsseldorfer Grün & Bilfinger AG erhielt den Auftrag für die Herstellung der Stollen- und Tunnelanlage südlich Halberstadts. Schon am 4. Februar 1944 rückten die ersten Baumaschinen an; etwa 21/2 Wochen später war die Einrichtung der Baustelle abgeschlossen. Am 21. Februar 1944 begannen zunächst bis zu 50 Arbeitskräfte, vorwiegend italienische Militärinternierte, mit dem Stollenausbruch. Nachteilig auf die Arbeitsleistung der ausländischen Zwangsarbeiter wirkte sich ihre auswärtige Unterbringung aus. Jeden Tag hatten sie extrem lange Anmarschwege zurückzulegen, vom Lager zur Bahnstation und vom Haltepunkt Halberstadt zur Baustelle, nach Arbeitsschluss dieselbe Strecke wieder zurück.

Anfang Juni 1944 wurden die Italiener gegen 127 meist holländische Arbeitskräfte ausgetauscht. Aber auch deren Einsatz war von nur kurzer Dauer, am 7. Juli 1944 wurden sie abgezogen und an ihre Stelle kamen ca. 145 französische Kriegsgefangene. Sie wurden in einem Lager unmittelbar neben der Baustelle untergebracht. Anfang Februar 1944 hatte zudem Junkers selbst 155 deutsche und 81 ausländische Arbeitskräfte seiner Abteilung Dreherei wohl schon zur Einrichtung der Produktionsstätte abgestellt. Die Planer des Jägerstabes rechneten für Ende April 1944 mit der Bezugsfähigkeit der Hälfte der Anlage. Die dann noch fehlenden 2.500 qm sollten bis Juni 1944 erstellt sein. Doch das scheiterte, und bis Kriegsende belegte Junkers lediglich einen Teil der unterirdischen Hallen. Dabei war die Verlagerung in den vorderen Bereich des Stollensystems schon Ende Mai 1944 abgeschlossen. Die weiteren Bauarbeiten kamen allerdings nur langsam voran, so dass die Junkers-Hauptverwaltung Dessau am 12. Januar 1945 dem RLM meldete, dass nach einer Teilverlagerung „die Produktion (…) in vollem Gang“ sei, der geplante Zustand der Anlage aber noch nicht erreicht sei. Die Baukosten beliefen sich 1944 auf 327.000 RM. Ende Januar 1945 standen in drei Räumen Maschinen, an denen 180 Personen arbeiteten. Bis Kriegsende lagerte Junkers 118 Pressen und andere Maschinen aus. In der Mehrzahl stellten an ihnen 280 französische Kriegsgefangene im Zwei-Schicht-Betrieb Flugzeugteile her. 150 weitere Produktionsmaschinen sollten bei vollem Ausbau der Fabrikationsstätte hinzukommen, so dass pro Schicht bis zu 600 Arbeitskräfte hätten beschäftigt werden sollen.

Die Bauarbeiten wurden – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – bis Kriegsende fortgeführt. Zum allgemeinen Materialmangel kamen Behinderungen durch die Weisung Junkers’, einzelne Abschnitte oft mitten im Abbaugebiet für die Fabrikation freizugegeben. So konnte ab September 1944 das ausgebrochene Gestein nur noch über einen Schrägstollen ausgefahren werden. Nach dem schweren Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 richtete die Stadt in den Stollen ein Lazarett und Notunterkünfte für die Zivilbevölkerung ein. Bis zu 3.000 Personen hielten sich in den unterirdischen Hallen auf. Erst bei Einmarsch der amerikanischen Truppen am 11. April 1945 wurden die Arbeiten eingestellt, die französischen Kriegsgefangenen in die Heimat entlassen.

Junkers Halberstadt ging von Anfang an davon aus, außer dem ‚Felsenkeller‘ auch die Höhlen im Bereich der Sternwarte (Deckname Makrele II) mit Beschlag belegen zu können, obwohl sie im Verlegungsbescheid des RLM vom 17. Dezember 1943 nicht genannt waren. Die sieben mit jeweils bis zu 200 qm relativ kleinen Höhlen waren für den Bau von Tragflächen verlockend, weil sie keine größeren Umbauarbeiten erforderten und eine Verlagerung daher zeitnah zu bewerkstelligen war. Aber diese Sandsteinhöhlen waren ebenfalls zur Champignonzucht an die Konservenfabrik Strauch & Bercher verpachtet, und die beabsichtigte sogar, weitere Höhlen im Umfeld für ihren Betrieb zu erschließen. Allerdings hatte sie erneut gegen Junkers das Nachsehen. Bereits im März 1944 richtete sich der Flugzeugbauer unter dem Decknamen Makrele II in den Höhlen ein, obwohl das RLM für eine solche Aneignung noch gar keine formelle Genehmigung erteilt hatte. Junkers indes legte den Verlegungsbescheid vom Dezember 1943 mit der Auffassung, er gelte für sämtliche Sandsteinhöhlen um Halberstadt, großzügig aus.

Im Januar 1945 forderte Junkers die Genehmigungsbehörde auf, „den fehlenden Verlegungsbescheid für das Objekt Makrele II schnellstmöglich zu erteilen. (…) Es dürfte zweckmäßig und auch zu verantworten sein, dass sofort der endgültige Bescheid (…) erteilt wird. Unsere Verlagerung in die hier infrage kommenden unterirdischen Fertigungsräume ist durchgeführt und die Produktion dort in vollem Gang“. Das Fehlen dieses Verlegungsbescheids war für Strauch & Bercher Grund, die Unterzeichnung des von Junkers vorbereiteten Pachtvertrages mehrfach zu verweigern, obwohl rückwirkend ab dem 15. Februar 1944 eine jährliche Entschädigung von 1.457,00 RM winkte. In den 1.550 qm der sieben Höhlen an der Sternwarte stellte Junkers Halberstadt 66 Produktionsmaschinen der mechanischen Werkstatt und der Presserei auf, an denen bis zu 345 Arbeiter standen. Der Bericht der Alliierten über „underground factories in Germany“ nennt die etwas geringere Zahl von 200 Beschäftigten, auf zwei Schichten verteilt. Etwa 3/4 von ihnen wären demnach ausländische Zwangsarbeiter gewesen.

Im Januar 1945 hatte Junkers noch die wenige Meter entfernte ‚Lange Höhle‘ von der Stadt als Lager und zur industriellen Nutzung angepachtet. Ende August 1943 bekundete die NS-Bürokratie erstmals Interesse an der ‚Langen Höhle‘. Am 3. September 1943 besichtigte das Bergamt Goslar zusammen mit dem Leiter des städtischen Staatshochbauamtes II, dem zuständigen Revierförster und dem Inhaber der Champignonzüchterei und Konservenfabrik Strauch & Bercher die ‚Lange Höhle‘ westlich des Wirtshauses Sternwarte in den Spiegelsbergen. Es ging darum zu erkunden, ob in der leerstehenden Stubensandsteinhöhle hochwertige Kulturgüter untergebracht werden könnten. Doch auch die Firma Strauch & Bercher hatte sich Hoffnungen gemacht, in der Höhle, Eigentum der Stadt Halberstadt, ihre Champignonzucht zu erweitern. Zumal sie bereits Höhlen gegenüber dem Südosteingang der ‚Langen Höhle‘ von der Stadt zu dem Zweck angepachtet hatte. Die Delegation stellte fest, dass vor einer Entscheidung erst die verschlossenen und teilweise verschütteten Stolleneingänge geöffnet werden müssten. Im Ergebnis konnte sich Junkers mit seiner Forderung erneut behaupten.

Die für die ‚Lange Höhle‘ zu zahlende Jahrespacht belief sich auf 1.200 RM. Anfang März 1945 verlangte der Flugzeugbauer von der Stadt Halberstadt die Senkung der vereinbarten Pacht auf 480 RM, denn lediglich 1/5 der Fläche seien als Lager nutzbar. Der größte Teil der Höhle diente als Luftschutzstollen für die Junkers-Belegschaft und die Zivilbevölkerung. Nach dem Einmarsch der Amerikaner besichtigten deren Spezialisten die Anlagen Makrele I und II in den Sandsteinhöhlen, maßen ihnen jedoch keine besondere Bedeutung bei, da es sich um keine Hochtechnologie handelte. Sie sahen daher keine Veranlassung, wie andernorts den Maschinenbestand vor dem Einzug der Sowjets abzutransportieren. So wurden die Maschinen erst später als Demontagegut in die Sowjetunion geschafft, die Produktionsstätten von den russischen Besatzern vollständig geschleift. Die Höhlen am Felsenkeller wurden weitgehend gesprengt, so dass heute nur noch ein geringer Teil unter erheblicher Gefahr betreten werden kann. Die Höhlen an der Sternwarte blieben weitestgehend verschont, bis sie der Eigentümer im Frühjahr 2003 zu einer Diskothek umgebaute. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die unterirdischen Räume nahezu unberührt, die Maschinenfundamente noch deutlich erkennbar.