Heeresmunitionsanstalt Herfa

Mitte April 1935 setzte das Reichswehrministerium das zuständige Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld diktatorisch in Kenntnis, dass die Wehrmacht die 1920 stillgelegten Kalischächte Herfa-Neurode Mitte des Monats für eigene Zwecke übernehmen werde. Nach dem Muster der bereits andernorts in stillgelegten Kaliwerken im Aufbau befindlichen Munitionslagerstätten war von militärischer Seite der Ausbau zu einer Vollmunitionsanstalt geplant, allerdings waren die Arbeiten selbst noch nicht in Angriff genommen. Zu diesem frühen Zeitpunkt war erst ein Kostenvoranschlag über die vorbereitenden Arbeiten eingeholt. Die offizielle Übernahme der Schächte durch das Heer erfolgte im August 1936, ohne das es wie andernorts üblich zu einer schriftlichen Fixierung des Pachtverhältnisses kam. Wintershall überließ dem Reich die Anlage unentgeltlich – offenbar unbefristet – zur Nutzung als Munitionslagerstätte. Die Heeresverwaltung dürfte sich zeitnah an den Ausbau der Schächte begeben haben. Vorrangig standen Reparatur-, Sicherungs- und Abdichtungsarbeiten der Schächte an, bevor sich das Heer daran begab, die Fördergerüste zu verstärken. Um den neuen Anforderungen gewachsen zu sein, ließen die Militärs die Fangkäps und Prellträger tiefer setzen, das Schutzdach des Fördergerüsts entfernen und später erneuern.

Erst danach konnten die Untertagearbeiten mit dem Aufräumen und Erschließen neuer Untertagebaue beginnen. Anfang Juli 1937 gab die Heeresmunitionsanstalt Obergebra für den Ausbau der Lageräume des Südfeldes 1.400 m Grubenschienen, 560 Schienenlaschen und 750 Laschenschrauben nach Herfa ab, die bis Ende März des darauffolgenden Jahres zurückgegeben werden sollten. Am 28. März 1938 intervenierte die Heeresmunitionsanstalt Herfa beim zuständigen Feldzeugkommando in Kassel und verlangte die endgültige Überlassung. Zur Begründung führte die Muna aus, dass der Bedarf durch den Ausbau des Südfeldes sehr groß sei. Bei Aufstellung des Kostenvoranschlages für den Ausbau des Südfeldes habe die Muna 6.000 m Schienen in ihre Berechnung eingestellt. Im Laufe der Zeit habe sich aber ein weitaus höherer, ungedeckter Bedarf herausgestellt. Mittel zur weiteren Beschaffung von Schienen stünden nicht zur Verfügung, so dass antragsgemäß zu entscheiden sei.

Anfang März 1938, als die Ausarbeiten schon im vollen Gange waren, orderte die Feldzeugverwaltung Kassel für den Betrieb der Muna Herfa 100 Förderwagen, die eventuell von der Maschinenfabrik Arnold Vetter aus Siegen-Eiserfeld gestellt werden sollten. Wenige Tage später stellte das Oberkommando des Heeres sein Bauprogramm für das laufende Jahr 1938 vor, das der Muna Herfa (Bauvorhaben 5107) vorrangig finanzielle Mittel für die Errichtung der Heizzentrale und von zwei Schutzdächern für die Haspelanlage an den Schachtgebäuden sowie den Bau eines Unterkunftsgebäudes für unverheiratete Soldaten zubilligte. Obwohl der Betrag noch hinter denen anderer Munitionsanstalten in stillgelegten Kaliwerken zurückblieb, investierte das Heer für den Ausbau seiner Heeresmunitionsanstalt Herfa-Neurode bis Sommer 1939 immerhin vier Millionen RM. Ungeachtet dessen waren die Arbeiten zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen, was sich daran zeigt, dass sich Anfang 1940 noch weitere Munitionslagerräume in Planung befanden. Ende Februar 1940 erklärte sich der Reichswehrminister damit einverstanden, dass die beim Ausbruch neuer Lagerhallen anfallenden Salzmengen von geschätzt 6.000 m3 auf dem Schachtgelände auf Halde geschüttet werden dürfen. Dem unbenommen dürfte die Muna Herfa bereits vor Ausbruch des Krieges in Teilbereichen der Grubenbaue Munitionsbestände eingebracht haben. Laut Demontageunterlagen aus der Nachkriegszeit lagerte das Heer in den Schächten Herfa-Neurode Geschosse, Patronenmunition, Kartuschen, Zünder, Zündladungen, Sprengkapseln, Sprengstoffe, Pulver und unscharfe Munition ein; im Südfeld lagerten vorwiegend Pulverbestände in Packgefäßen. Ungeachtet der Gefahren für Schacht und Personal verlegte die Muna in den letzten Kriegsjahren einen Teil ihrer Munitionsproduktion nach unter Tage. So befanden sich in den Räumen 4 und 51 unterirdische Munitionsarbeitsräume in Betrieb.

Bis zur bruchstückhaften Verlagerung nach unter Tage fand die Munitionsbearbeitung in dem vom Heer ab 1937 im Herfatal errichteten Lager- sowie Arbeits- und Munitionsarbeitsgebiet (F-Gebiet) statt. Das Kernstück bildeten fünf Munitionsarbeitshäuser mit Gleisanschluss und drei in Stahlbetonskelettbauweise hochgezogene Lagerhallen sowie ein weiteres massives Lagergebäude. Die Umsetzung blieb damit weit hinter den Planungen der Muna Herfa, die noch im Januar 1938 von der Ausstattung von 12 Munitions-Arbeitshäusern und acht Hand-Munitionshäusern mit Sicherheitslampen als Notbeleuchtung ausging, zurück. Im Munitionsarbeitsgebiet wurde die Munition schussfertig gemacht, Zünder eingesetzt und Pulverkartuschen hergestellt, bevor der direkte Versand an die Front erfolgte. Zur Unterbringung ihres Personals richtete die Muna bereits frühzeitig an der Landstraße von Friedewald nach Wölfershausen ein Baracken-Lager mit acht einstöckigen Wohnbaracken, das vom Aufbau und der Planung her die Möglichkeit der Trennung der Insassen voneinander bot, ein. Die gesamte oberirdische Anlage war im September 1939 vollendet und wurde von der Bauabteilung III der Wehrkreisverwaltung IX und dem Heeresnebenbauamt Hersfeld abgenommen. Ende Juli 1939 zählte die Muna 887 Arbeitskräfte, darunter 566 Männer und 321 Frauen.

Ebenso wie andere Betriebe war auch die Muna Herfa nicht vor der Einberufung ihrer männlichen Arbeitskräfte zur Wehrmacht geschützt. So gingen wichtige Arbeitskräfte verloren, für die Ersatz zu schaffen war. Am 9. Mai 1942 versammelten sich der Leiter des Arbeitsamtes Hersfeld Reg.-Rat Dr. Weber, sein Mitarbeiter Inspektor Hildebrandt,  Major Dr. Ludwig vom Rüstungs-Kommando in Kassel und Major Lindemann sowie Hauptmann Schäfer für die Muna Herfa, um über das Ausmaß des Arbeitskräftemangels zu sprechen. Die Muna führte Beschwerde über einen ungedeckten Bedarf von 150 Arbeitskräften. Als Übergangslösung setzte das Wehrkreiskommando die Einberufung der Jahrgänge 1908 bis 1922 zeitlich befristet bis Mitte Juli 1942 aus. Im Mai 1942 beschäftigte die Muna zusammen 892 Arbeitskräfte, darunter 510 Männer und 382 Frauen, die im ersten Quartal 1942 monatlich 100.000 Schuss an Munition herstellten. Ab April 1942 war das Soll auf Anforderung des Heeres um die Hälfte zu verdoppeln; von nun an waren monatlich 150.000 Schuss zu liefern. Die Muna ging davon aus, dass der bisherige Personalstand ausreiche, um die gestiegenen Anforderungen zu erfüllen. Ein weiteres Absinken würde allerdings unweigerlich zu einem Absinken der Leistung führen. Wegen der ländlichen Umgebung leide die Heeresmunitionsanstalt Herfa ohnehin sehr stark an einem Kräfteausfall wegen landwirtschaftlicher Beschäftigung. Exemplarisch legte Major Lindemann von der Muna dar, dass am Besprechungstag, den 9. Mai 1942, allein 20 % der Belegschaft fehlte, und zwar 73 Männer und 100 Frauen. 52 Mitarbeiter waren erkrankt, 75 beurlaubt und 46 von ihnen fehlten sogar unentschuldigt.

Dem Besprechungsprotokoll ist zu entnehmen, dass die Muna 66 Arbeitsmaiden, junge Frauen des Arbeitsdienstes, beschäftigte und davon ausging, in Kürze auch männliche Arbeitskräfte des Reichsarbeitsdienstes, die für Reparaturarbeiten in der Grube und die Aufarbeitung von Rückständen fest eingeplant war, rekrutieren zu können. Eine Vergabe von Aufträgen an Industriebetriebe lehnte die Muna wegen der schwierigen Transportlage ab. Major Dr. Ludwig stellte abschließend fest, dass der gemeldete Sofortbedarf von 150 Arbeitskräften erst nach Abzug der bislang noch geschützten Jahrgänge an die Front greife. Er kannte lediglich einen Bedarf von 12 männlichen Arbeitskräften und einen Sofortbedarf von 20 Frauen für laufende Ausfälle und Nebenarbeiten an. Außerdem sah er es für erforderlich an, zehn Schreiner für Reparaturen von Munitionskästen zur Verfügung zu stellen. Damit war die Problematik des Arbeitskräftemangels nicht dauerhaft gelöst, sondern nur für wenige Wochen vertagt. Da kein deutsches Personal mehr greifbar war, ersetzte die Muna Herfa die weggefallenen Arbeitskräfte nach und nach durch ausländische Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, im untergeordneten Umfang auch durch deutsche Strafgefangene. Die ersten Transporte dürften, anders als vom Bürgermeister im November 1948 zu Protokoll gegeben, erst im Herbst 1942 und nicht bereits 1940 in Herfa eingetroffen sein. Den Beginn machten französische Arbeitskräfte, die direkt aus ihrem Heimatland kamen. Die Muna Herfa brachte sie in dem Barackenlager in unmittelbarer Nähe zum Werksgelände unter. Namentlich lassen sich 70 Franzosen nachweise, die in allen Bereichen der Munitionsanstalt beschäftigt waren.

Ab Herbst 1942 standen dann auch polnische Frauen im Dienst der Muna. Am 30. November 1942 beantragte der Vorstand der Muna beim Bürgermeister von Herfa die Zuweisung von 30 Paar Schuhen für die Neuankömmlinge. Das alte Schuhwerk der Polinnen war total zerrissen und unbrauchbar. Ohne Austausch waren die Frauen bei den vorherrschenden Temperaturen nicht in der Lage, zu arbeiten. Der Bürgermeister leitete die Anforderung an den Landrat des Kreises Hersfeld weiter, der wiederum das Anliegen mit Schreiben vom 15. Dezember 1942 an den Oberpräsidenten im Landwirtschaftsamt in Kassel mit der Forderung weitergab, 30 Bezugsscheine für Arbeitsschuhe mit Holzsohle (Zweischnaller) inklusive Lederoberteil auszustellen. Nach 1942 kamen weitere ausländische Arbeitskräfte unterschiedlicher Nationalität, vereinzelt Belgier, Holländer und Rumänen, hinzu. Nicht zuletzt beschäftigte die Muna Herfa gegen Kriegsende 50 bis 80 russische Kriegsgefangene (Arbeitskommando 2635). Die Männer erhielten Kriegsgefangenenrationen, die von einer gesonderten Küche geliefert wurden. Die Russen waren in einem abgegrenzten Teil des Lagers untergebracht, teilweise zusammen mit deutschen Strafgefangenen.

Von drei Zwangsarbeiterinnen der Muna Herfa ist bekannt, dass sie möglicherweise wegen Verstoßes gegen die Lagerordnung oder ihre Arbeitsverpflichtung in das Strafgefangenenlager nach Breitenau kamen. Den Anfang machte am 27. Mai 1944 eine 34 Jahre alte Zwangsarbeiterin, die erst kurz vor Auflösung des Lagers Breitenau, und zwar am 29. März 1945, entlassen wurde. Ebenfalls betroffen waren eine 20 jährige Russin (21. Juni 1944 – 29. März 1945) und eine 25 jährige Polin (9. – 27. März 1945). Kurz vor dem Anrücken der amerikanischen Truppen ordnete das Kriegsgefangenen-Stammlager die Auflösung des Russenlagers der Muna Herfa in Richtung Osten an. Ein konkretes Ziel ist nicht bekannt. Die anderen Fremdarbeiter verblieben bis zum Einmarsch amerikanischer Truppen im Lager. Bis Ende 1945 lösten die Alliierten das Lager auf und führten alle Insassen in ihre Heimat zurück. Die in der Nachkriegszeit eingeleiteten Ermittlungen ergaben, dass in Herfa keine ausländischen Arbeitskräfte der Muna ums Leben kamen. Die Lebensbedingungen wurden als erträglich geschildert. Misshandlungen oder Ausschreitungen des Lagerpersonals sind nicht belegt.

Anfang 1944 gab es von Seiten der Luftwaffe Bestrebungen, die Schächte Herfa-Neurode wie andernorts mit einem Produktionsbetrieb zu belegen und die Munitionsanstalt zu verdrängen. Anders als auf Ellers gelang es dem Heer, sich einer Inanspruchnahme erfolgreich zu widersetzen. Bis zur Besetzung durch amerikanischen Truppen waren beide Schächte voll funktionsfähig und von der Heeresmunitionsanstalt Herfa mit Munition belegt. Am 4. April 1945 sprengten die Amerikaner die Füße beider Fördergerüste. Allerdings rutschte das Fördergerüst des Schachtes Neurode nur leicht seitlich ab, so dass er mit verhältnismäßig geringer Mühe hätte wieder instandgesetzt werden können. Da die US-Besatzungstruppen die durch die erste Sprengung beschädigten und schiefhängenden Fördergerüste nicht in diesem Zustand belassen wollten, nahmen sie Ende Juni oder Anfang Juli 1945 eine zweite, nachhaltigere Sprengung vor. Das Fördergerüst des Schachtes Herfa kippte vollständig um, während sich das des Schachtes Neurode auf das Dach des Schachtgebäudes setzte. Die Förderkörbe beider Schächte brachten die Amerikaner zum Absturz. Zudem beschädigten sie während der Besatzungszeit den inneren Ausbau der Schächte durch hereingeworfene schwere Gegenstände wie Granaten, Panzerfäuste und ähnliche Dinge, die über Tage störten.

Erstmals im Mai 1946 kam die Diskussion auf, wie zukünftig mit den noch immer mit Munition voll gefüllten Schächte Herfa und Neuhof zu verfahren sei. So stellten die Amerikaner zur Diskussion, diese entweder zu fluten oder die Munitionsbestände unter Tage zu sprengen. Ende Mai 1946 machten sich zwei Offiziere des Hauptquartiers der 3. Armee in Heidelberg, die zunächst eine Flutung der Schächte favorisierten, ein persönliches Bild von der Situation vor Ort. Ende Mai 1946 kam es dann zum finalen Schlagabtausch zwischen Befürwortern und Gegnern. Direktor Blomenkamp von der Wintershall AG war es im Vorfeld gelungen, den Verantwortlichen der Coal and Mining Section, Col. Dieter, auf seine Seite zu bringen. Um die Kaliproduktion als Reparationsleistung zu sichern, setzte er den Befehl, den Schacht unter Wasser zu setzen, eigenverantwortlich aus. In der Besprechung vom 29. Mai 1946 legte der Vertreter der Wintershall AG den wirtschaftlichen Wert der Anlage dar und verwies auf die bergmännischen Folgen einer Sprengung bzw. Flutung der Schächte. Die Ausführungen überzeugten die Vertreter der Militärs, die sich im weiteren Verlauf damit einverstanden erklärten, von den bisherigen Planungen Abstand zu nehmen. Außerdem gaben sie ihr Einverständnis, den Schacht mit einer Fördereinrichtung zu versehen. Im zweiten Schritt sollte dann nach dem Einfahren festgestellt werden, wie die Munitionsbestände effektiv geborgen werden können.

Bevor an die Wiederherstellung der Fördereinrichtung gegangen werden konnte, mussten die Schachtanlagen von Mengen an Aluminiumgrieß aus der Muna-Zeit, der ein erhebliches Gefährdungspotential darstellte, bereinigt werden. Gegen die von Wintershall vorgeschlagene Art der Unschädlichmachung des Aluminiumgrießes durch sorgfältig überwachtes Abbrennen an einer ungefährlichen Stelle über Tage erhoben die Militärs keine Einwendungen. Wintershall ging sofort ans Werk und meldete bereits Mitte Juli 1946 Vollzug. Am 18. Juli 1946 gab der Konzern der Abteilung Bergbau im Hessischen Ministerium für Wirtschaft und Verkehr bekannt, dass die Schachtgebäude Herfa und Neurode vollständig vom Pulver bzw. von den Brandresten geräumt werden konnten. Zudem kündigte Wintershall an, die noch außerhalb der Gebäude im Freien lagernden, mit Aluminiumpulver gefüllten Fässer nach und nach zu entsorgen. Überdies unterrichtete Wintershall davon, dass der für die Kübelförderung vorgesehen Haspel vom Schacht Herfa nach Schacht Neurode umgestellt wurde. Am 7. Oktober 1946 setzte die Gesellschaft zur Erfassung von Rüstungsgut (STEG), Zweigstelle Wiesbaden, die Wintershall AG davon in Kenntnis, dass sie von der Militärregierung für Groß-Hessen den Auftrag zur Erfassung und Verwertung der Bestände der Muna Herfa erhalten habe. Als Beauftragter vor Ort benannte die STEG Herrn Heinz Krampe aus Wölfershausen, der die Erfassung der Munitionsteile und der vorhandenen Geräte über Tage übernehmen sollte. An Wintershall ging die Aufforderung, den Bevollmächtigten Krampe in der Durchführung seiner Aufgabe zu unterstützen und ihm freien Zutritt zum Gelände und den Gebäuden zu gewähren.

Von Juli 1946 an arbeitete die Firma Eilers aus Hannover mit durchschnittlich acht bis zehn Mitarbeitern am Fördergerüst von Neurode, das im Juni 1947 nahezu wieder hergestellt war und lediglich noch an einigen Stellen vernietet werden musste. Auch war der Schacht bis zu einer Teufe von etwa 460 m soweit hergestellt, dass die Möglichkeit der behelfsmäßigen Förderung mit Fördergestellen bestand. Im Unterschied dazu waren die Reparaturarbeiten auf Herfa noch nicht im Gange. Um den weiteren Ablauf der Demontage zu diskutieren, kamen am 30. Juni 1947 im Wirtschaftsministerium unter der Leitung von Herrn Ministerialdirektor Dr. Magnus alle Verantwortlichen, darunter Berghauptmann Graf (Wirtschaftsministerium), Dr. Aletan und Dipl. Ing. Lessenich (Rüstungsgut GmbH), Direktor Blomenkamp (Gewerkschaft Wintershall, Heringen) sowie die Regierungsräte Dr. Frowein und Strauch (Wirtschaftsministerium), zusammen. Auf Punkt eins der Tagesordnung stand die Frage nach dem Verbleib der 1943 eingebrachten Bibliotheksbestände des Reichspatentamtes, die noch immer in der Schachtanlage Herfa-Neurode lagerten. Die Kommission zog es in Erwägung, die Bücher nach der Räumung aus dem Schacht nach Kassel zu verbringen. Für die Auslagerung der Bücher sahen die Planungen einen Zeitaufwand von mehreren Monaten vor.

Außerdem stand in der Konferenz die Frage der Finanzierung der weiteren Reparaturarbeiten zur Diskussion. Bis Anfang Juni 1947 verauslagte Wintershall für die Wiederherstellung der Schachtanlage Neurode einen Betrag von 200.000 RM, stellte am 7. Juni die Arbeiten aber ein. Zu weiteren Vorauszahlungen war der Kaliproduzent nicht bereit. Zur Begründung führte Wintershall aus, dass entgegen anfänglicher Planungen an der Wiederherstellung der Schachtanlage kein Interesse mehr bestehe, ebenso wenig an einer Wiederinbetriebnahme der Förderung. Die noch zu erwartenden weiteren Kosten der vollständigen Reparatur der Schachtanlage bezifferten sich auf etwa 100.000 RM. Direktor Blomenkamp machte für die Wintershall AG den Abschluss der Arbeiten vom Ausgleich der bisher aufgewendeten Kosten und der kompletten Übernahme der noch zu tätigenden Investitionen abhängig. Nach einer längeren Aussprache erklärte sich die Rüstungsgut GmbH dem Grunde nach dazu bereit, den gesamten Betrag zu übernehmen, dies unter dem Vorbehalt, dass eine Beschlussfassung bei der nächsten Sitzung der Rüstungsgut GmbH erfolgen müsse.

Anfang August 1947 stellte der Flüchtlingskommissar des Kreises Hersfeld zur Diskussion, für die vorwiegend sudetendeutschen Flüchtlinge, unter ihnen etwa 70 Glasschleifer, einen Teil der Gebäude der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Herfa-Neurode für eine Glasschleiferei zu räumen; dies bot sich wegen der räumlichen Nähe zu den Unterkünften im früheren  Barackenlager der Muna an. Am 5. August 1947 fanden sich im Landratsamt Hersfeld und später auf dem Gelände des Kaliwerkes Vertreter des Wirtschaftsministeriums, des Landesamt für Flüchtlinge, des Finanzamtes Fulda, des Bergamtes Kassel, des Landratsamtes, Direktor Blomenkamp für Wintershall und der Kreisflüchtlingskommissar Ziegler ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Das Wirtschaftsministerium erhob den Einwand, dass es nicht zweckmäßig erscheine, die Glasschleiferei bei Hersfeld einzurichten. Stattdessen wäre es angeraten, einen solchen Betrieb in der Nähe einer Glashütte, beispielsweise in Hattersheim, Hundstadt oder Limburg, anzusiedeln. Dies müsse aber davon abhängig gemacht werden, dass zwei Baracken des fast leerstehenden Auffanglagers bei Herfa an den neuen Standort mitgenommen werden können. Auch Direktor Blomenkamp von der Wintershall AG sprach sich gegen eine Inanspruchnahme der Räumlichkeiten aus. Im Sinne einer eivernehmlichen Verständigung erhielt die Abteilung Bergbau den Auftrag, über den Bergbauoffizier der Landesmilitärregierung, Col. Dieter, eine Freigabe von zwei Baracken, die dann später an den neuen Standort versetzt werden sollten, zu erreichen. Für den Fall, dass dies nicht gelingen sollte, stellte der Flüchtlingskommissar klar, dass die Inanspruchnahme eines der dreigeschossigen Betriebsgebäude unvermeidlich sein werde.

Es kam jedoch anders als geplant. Anfang November 1947 ging bei Vizepräsident Paehler im Hessischen Finanzministerium ein Schreiben von Oberberrat Dr. Kast ein, mit dem er Beschwerde darüber führte, dass entgegen anderweitiger Absprachen die Einweisung eines Betriebes der Glasindustrie auf der Schachtanlage in unmittelbarer Nähe zum Schacht bereits vor Wochen erfolgt sei. Damit habe sich die Abteilung Industrie im Wirtschaftsministerium, die offenbar Initiatorin war, eigenmächtig über die geäußerten sicherheitspolitischen Bedenken hinweggesetzt. Bei dem vorschnellen Handeln sei unberücksichtigt geblieben, „dass die bevorstehende Bergung der in den Grubengebäuden Herfa-Neurode liegenden scharfen Munition erhebliche Gefahren mit sich bringe“. Dr. Kast verwies darauf, dass es in den vorangegangenen Monaten bei der Bergung von Munition aus Kalischächten, wie beispielsweise auf den Schachtanlagen Wittekind-Hildasglück und Godenau, wiederholt zu schweren Explosionen gekommen sei. Wie sensibel bei der Auslagerung vorzugehen sei, habe zuletzt auch der Vorfall auf der Schachtanlage „Desdemona“ im Hannoverschen Bezirk gezeigt. Bei der Bergung der Munition sei es zu einer solch heftigen Explosion gekommen, die sich bis nach über Tage ausgewirkt und das Schachtgerüst umgeworfen habe.

Anfang September 1947 forderte die STEG erstmals das schrittweise Herausschaffen der Munitions- und Pulverbestände aus den Schächten. Vorrang sollten dabei Geschosse mit Zündern einschließlich Patronenmunition und geladene Geschosse ohne Zünder haben. Erst danach standen Kartuschen, Zünder, Zündladungen, Sprengkapseln, Sprengstoffe, Pulver und unscharfe Munition auf dem Räumungsplan. Um die zuletzt zu räumenden Pulverbestände zu schützen, war das Südfeld durch ein eisernes Gitter zu schließen. Bewaffnete Hilfspolizisten, die die STEG stellte, bewachten das eingezäunte Gelände über Tage. Auch unter Tage galten für das Personal besondere Sicherheitsvorkehrungen. Im Besonderen war die Mitnahme von Streichhölzern, Feuerzeugen, Metallgegenständen wie Messer usw. in die Grube strengstens verboten. Gleichermaßen war es untersagt, beim Verlassen der Grube Munition oder Teile davon mitzunehmen. Der am Schacht stehende Posten war angehalten, die ein- und ausfahrenden Betriebsangehörigen zu kontrollieren. Unter Tage ließ die STEG in den Räumen 4 und 51, die schon der Muna als Betriebsräume dienten, die Zünder abschrauben.

Über Tage waren Patronenmunition, Kartuschen und Zünder zu zerlegen. Die Muna-Arbeitshäuser 2, 3 und 4 erfuhren dafür eine Nachnutzung; die Arbeitshäuser 1 und 5 und die Handmunitionshäuser dienten der Einlagerung der delaborierten Munitionsteile. Anfang Februar 1948 teilte die STEG der übergeordneten Stelle mit, dass man über den zwischenzeitlich geöffneten Schacht Herfa mit der Beseitigung der Munition begonnen habe. Anfänglich war vorgesehen, einen Teil der aus dem Schacht geholten Granaten zur Vernichtung nach Allendorf zu schaffen, doch dafür waren diese ungeeignet. Die STEG fand im Schacht Herfa 6.067 t an scharfer Munition und etwa 600 t Komponenten ohne Explosivstoffe vor.

Im Februar 1948 ließ die Militärkommission mittels improvisierter Transporte von Hand 4,8 t an Cellulosenitrat (Schießbaumwolle / Nitrocellulose) und Zünder aus dem Schacht holen. Da das Stromkabel im Schacht beschädigt war und die Versorgung immer wieder ausfiel, mussten die Arbeiten teils im Dunkeln stattfinden. Die Sicherheitsvorkehrungen waren insbesondere zu diesem frühen Zeitpunkt unzureichend, so dass Ende März 1948 die Aufforderung an die STEG erging, Munition und Sprengstoff zukünftig besser zu sichern. Bis April 1948 waren etwa 33,4 t an Munition vernichtet. Am 20. August 1948 ereignete sich auf Herfa-Neurode unter Tage in unmittelbarer Nähe eines bis dahin noch nicht geräumten größeren Sprengstofflagers ein Kabelbrand. Die Gummischlauchleitung, die in der Lauge hing und dabei beschädigt wurde, war auf einer Länge von einem Meter durchschmort. Es bildete sich extremer Rauch, von dem wohl keine Gefahr für die verbliebenen Munitions- und Pulverbestände ausging. Mitte Oktober 1948 teilte das Bergamt Kassel dem Hessischen Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr mit, dass die Arbeiten auf dem ehemaligen Kaliwerk Herfa-Neurode ohne weitere Störungen ihren Fortgang nahmen und angestrebt werde, das auf Herfa-Neurode lagernde Wehrmachtsgut bis Ende des Jahres aus den Grubenbauen herausfördern zu können. Im Anschluss daran sei beabsichtigt, die Anlage stillzulegen. Aber dazu kam es nicht.

Entgegen der vorherigen Bekundungen, die Anlage dauerhaft still zu legen, begab sich Wintershall bereits wenige Monate nach Abschluss der Demontagearbeiten daran, die Wiederaufnahme der Förderung vorzubereiten. Wegen der gestiegenen Nachfrage und des kriegsbedingten Wegfalls von Werken in Ostdeutschland nahm die Wintershall AG die Förderung Mitte 1949 recht schnell wieder auf. Diesen Plan verfolgte der Konzern nach Kriegsende konsequent, denn nur so ist zu erklären, dass Wintershall anfänglich keine Kosten scheute, die Schächte vor einer Sprengung oder Flutung durch die Alliierten zu bewahren. Nachdem die Rettung der Schächte beschlossene Sache war, nahm die Wintershall ihr Engagement zunächst zurück und bekundete zumindest nach außen hin kein Interesse mehr an einer weiteren Nutzung, doch dürfte dies ausschließlich finanziell motiviert gewesen sein, um so weitere Kosten für die Wiederinstandsetzung der Schachtanlagen von der Gesellschaft abzuwenden. Ende 1949 richtete Wintershall im Schacht Neurode eine Versuchsförderung von rund 8.000 dz zweischichtig ein, die Mitte Oktober 1950 die Förderung aufnahm. Im dritten Quartal steigerte der Konzern die Förderung sogar auf 15.000 dz täglich, allerdings war der Bedarf damit noch immer nicht gestillt. Durch den weiteren Ausbau des Schachtes gelang es, die Produktion im dritten Quartal 1953 auf 40.000 dz pro Tag zu erhöhen. Der Schacht Neurode  hingegen diente ab Juli 1953 lediglich noch der Seilfahrt und dem Materialtransport. Im Herbst 1971 legte Wintershall die Werksanlage Herfa-Neurode still und richtete in den untertägigen Grubenräumen eine Deponie für Sonderabfälle ein.