Heeresmunitionsanstalt Neuhof

Im Juni 1926 stellte die Wintershall AG die Kaliförderung ihrer Doppelschachtanlage Neuhof-Ellers ein und liquidierte drei Monate später die beiden Gewerkschaften. Die Instandhaltung der baulichen und maschinellen Anlagen war für Wintershall mit erheblichen Kosten verbunden, so dass sich der Konzern ohne Hemmnisse dazu bereit erklärte, die stillgelegten Werksanlagen der Reichswehr für militärische Zwecke zu überlassen. Am 12. April 1935 teilte der Reichswehrminister dem zuständigen Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld mit, dass die Wehrmacht die Kalibergwerke Neuhof und Ellers Mitte des Monats übernehmen werde. Nach Festlegung dieser neuen Nutzung der beiden Bergwerke bat das Reichswehrministerium darum, den ersten Bergrat Stilling aus Schmalkalden weiterhin als technischen Berater für beide Betriebe zu bestimmen.

Wenig später, am 14. April 1935, hält Oberbergamtsdirektor Schünemann in einem Schreiben an Oberbergrat Ziel fest, dass im Bergrevier Kassel keine Lagerung kriegswichtiger Stoffe auf Bergwerken seitens der Wehrmacht stattfinde. Anders im Bergrevier Schmalkalden, wo sich die Kaliwerke Ellers und Herfa-Neurode im Ausbau befinden. Dem Schreiben zur Folge waren auf Ellers etwa 40 Personen unter Leitung des Betriebsführers Mühlenbein mit Aufräumungs- und Planierungsarbeiten unter Tage beschäftigt. Nach Abschluss der Vorbereitungsarbeiten sollten die weiter notwendigen Arbeiten unter gemeinsamer Aufsicht und Verantwortung des Betriebsführers und des von der Wehrmacht bestellten Kommandanten ausgeführt werden. Weiter heißt es in dem Schreiben, dass die Abgrenzung der Aufsichtsbefugnisse zwischen der Bergbehörde und den militärischen Stellen noch ungeklärt sei. Bevor eine Entscheidung getroffen werden könne, äußerte das Bergamt den Wunsch, zunächst den Inhalt der zwischen Bergwerksbesitzer und Wehrmacht abgeschlossenen Verträge zu kennen.

Ende September 1935 stellte die Wintershall AG dem Reichsfiskus Heer rückwirkend ab Februar 1935 „von ihrem in Betriebsruhe befindlichen Werk Ellers bei Neuhof“ den Schacht inklusive der Grubenbaue mit den Einrichtungen unter Tage zur Verfügung. Außerdem überließ Wintershall dem Reich als zweiten fahrbaren Ausgang den Schacht Neuhof und ab April 1937 weiterhin die unterirdischen Grubenbaue sowie den überwiegenden Teil der oberirdischen Werksanlage. Das Heer sicherte vertraglich zu, auf den Ausbau zu einer vollwertigen Munitionsanstalt mit Munitionsarbeitsgebieten zu verzichten und die Anlagen lediglich im bestehenden Umfang als Neben-Munitionsanstalt zu betreiben. Die Errichtung von Erweiterungsbauten ohne Zustimmung von Wintershall war nicht gestattet. Der Mitte 1940 geringfügig modifizierte und neu gefasste Vertrag sah eine Laufzeit bis Ende März 1945 vor.

Ende Dezember 1937 befanden sich die Ausbauarbeiten noch in vollem Gange. Zu diesem Zeitpunkt führte das Heeres-Bauamt I im Schacht Neuhof noch immer Säuberungsarbeiten (Reinigen der Einstriche, Fahrbühne und Tübbinge) aus, wie Unterlagen der Heeres-Feldzeugverwaltung IX in Kassel belegen. Die kompletten Umbaukosten trug das Reich. Bis zum Sommer 1939 verschlangen die Arbeiten auf Neuhof-Ellers etwa zwei Millionen RM. Im September 1939 nahm die Bauabteilung III der Wehrkreisverwaltung IX die oberirdischen Gebäude der Heeresmuna Neuhof-Ellers („Bauvorhaben 9172“) formell ab. Im Grubenfeld Ellers ließ die Wehrmacht eine Lagerfläche von 10.000 qm und auf der ersten Sohle von Neuhof weitere 30.000 qm für militärische Zwecke ausbauen.

Nach vollständigem Abschluss der Arbeiten verfügte die Muna allein in den Grubenbauen von Neuhof über 103 zwischen zwei bis zweieinhalb Meter hohe Lagerräume mit einer Nutzfläche von zunächst 51.790 qm, die später scheinbar wegen Laugenzuflüssen auf der zweiten Sohle zumindest teilweise von der Muna aufgegeben werden mussten. Die 650 PS starke Fördermaschine von Neuhof war im Vergleich zu der von Ellers leistungsstärker; pro Zug konnten bis zu 3.000 kg Nutzlast aus- und eingebracht werden. Bei maximal 25 Zügen pro Stunde ließen sich so 75 t an Heeresgut ein- bzw. auslagern. Die Heeresnebenmunitionsanstalt Neuhof-Ellers lagerte in den Grubenbauen nicht nur Munitionsbestände, Pulver, Sprengstoff und sonstiges Heeresgut, sondern völlig atypisch auch andere Chemikalien für den industriellen Bedarf ein. So verwaltete und deponierte die Muna beispielsweise Pikrinsäure, die für die Herstellung von Sprengstoff erforderlich war. Einer der Empfänger war das Sprengstoffwerk „Tanne“ der Dynamit AG in Clausthal-Zellerfeld im Harz. Offenbar verwahrte die Muna zumindest gegen Kriegsende zusätzlich Gasmunition in unbekannter Menge. Neben der deutschen Belegschaft standen mindestens 100 russische Kriegsgefangene im Dienst der Heeresmuna.

Anfang 1944 gab es Bestrebungen der Luftwaffe, die Schächte Neuhof-Ellers mit einem Produktionsbetrieb zu belegen und die Munitionsanstalt zu verdrängen. Es entbrannte ein regelrechter Kampf um die Vorherrschaft über die bis dahin von der Wehrmacht genutzten unterirdischen Flächen, auf die die Luftwaffe nunmehr Anspruch erhob. In der Sitzung des Reichsluftfahrtministeriums vom 15. März 1944 fiel die Entscheidung, neben anderen Munas auch die Schächte Neuhof und Ellers zu erkunden, um deren Tauglichkeit für die Aufnahme eines Produktionsbetriebes zu prüfen. Schon wenige Tage später, am 24. März 1944, trafen sich die Kontrahenten vor Ort. An diesem ersten „Schlagabtausch“ vor Ort nahmen Bergrat Menking für das Bergamt Schmalkalden, Betriebsführer Horas für das Kalibergwerk Ellers-Neuhof, Hauptmann Pape als Wehrwirtschaftsoffizier des Wehrkreiskommandos IX Kassel und Major Gäbert von der Heeresmunitionsanstalt teil.

Die Vor-Ort-Besichtigung ergab, dass die Schachtanlagen Ellers und Neuhof gegen Fliegereinsicht günstig am Waldrand lagen und teilweise von Waldstücken eingebettet waren. Weiter heißt es in dem Abschlussbericht, dass sich eine noch effektivere Tarnung durch das Abdecken der Kali-Abraumhalden mit Matten und Netzen erreichen ließe. Außerdem hält der Report fest, dass vom Heer nicht produziert, sondern ausschließlich Munition unterirdisch gelagert werde. Der Leiter der Muna, Major Gäbert, führte noch ergänzend aus, dass in der Hauptsache heißgelaufene Wagen mit Munitionszügen nach Neuhof kämen, wo die Munition neu sortiert und deponiert werde. Der Wehrwirtschaftsoffizier kam in seiner abschließenden Einschätzung zu dem Ergebnis, „dass das Kalibergwerk Ellers-Neuhof (…) für die Verlagerung eines Fertigungsbetriebes unter Tage besonders geeignet“ sei.

Im Frühjahr 1944 belegte die Muna im Schacht Ellers nur noch eine Teilfläche von etwa 2.000 qm. Den größeren Teil der Grubenbaue nutzten der Sanitäts-Park Kassel als Lager für Apothekerwaren und das Bekleidungsamt Frankfurt/Main, das dort 200 Waggons mit Ausrüstungsgegenständen, wie Tropenhelme und Zeltstöcke, deponierte. Im Schacht Neuhof beanspruchte die Heeresnebenmunitionsanstalt weiterhin das Gros der vorhandenen Fläche zur Lagerung von 14.000 t Pulver, Sprengstoff und Produkte für die industrielle Produktion von Zünd- und Sprengladungen sowie von Sprengmunition. Die oberirdischen Gebäude befanden sich zu diesem Zeitpunkt nur noch bedingt in der Hand der Muna. Nutznießer war das Heeresnebenzeugamt Fulda, das die Salzhalle von Ellers mit einer Fläche von etwa 1.000 qm beanspruchte. Auf Neuhof ließ sich der Sanitäts-Park Kassel, der auf dem Gelände eine Reihe von Sanitätszelten aufstellte, nieder.

Die phantastischen Planungen der Luftwaffe vom Mai 1944 sahen vor, in den Schächten Neuhof-Ellers unter Tage auf einer Fläche von 30.000 qm Platz für einen Produktionsbetrieb zu schaffen, der so vor Luftangriffen der Alliierten geschützt untergebracht werden sollte. Der „Sonderstab Höhlenbau“ führte das Projekt unter der Objektnummer 92. Die Planungen kamen jedoch nur schleppend und weitaus langsamer voran, als vom Jägerstab erhofft. So zeigte sich das Bergamt Schmalkalden noch Ende Juni 1944 weiterhin zurückhaltend und verwies darauf, dass im Falle einer Produktionsaufnahme ein Ventilator neu beschafft und der Wetterscheider wieder eingebaut werden müsse. Außerdem seien Schutztüren und Dammtüren gegenüber dem Muna-Bereich Neuhof zwingend zu schaffen. Ebenso bestanden Zweifel, ob die Leistung der Fördermaschine für eine größere Belegschaft ausreiche. Erst Anfang September erhielten die Pläne der Luftwaffe neuen Aufschwung. Am 10. September 1944 diskutierten die verantwortlichen Stellen erneut über die Abgabe von 20.000 qm für industrielle Zwecke.

Der Platz sollte durch komplette Räumung der Heeresnebenmunitionsanstalt Neuhof geschaffen werden. Die Wehrmacht lehnte dies unter Verweis darauf, dass Unterbringungsmöglichkeiten in anderen Heeresmunitionsanstalten fehlten, weiterhin ab. So sei es durch die Räumung von Neckarzimmern, Hochwalde und Teilen von Berka, Staßfurt und Kleinbodungen bereits zu starken Einschränkungen gekommen. Dieser Zustand werde durch laufende Räumungen ständig weiter verschärft. Ohne den Nachschub der Truppe zu gefährden, scheide eine weitere Inanspruchnahme aus. Auch komme eine anderweitige Unterbringung der in Neuhof lagernden Bekleidung und anderer Güter nicht in Betracht, da die genannten Ausweichräume aus Sicherheitsgründen nicht mit Pulver und Sprengstoff belegt werden dürften. Im Übrigen würden sich sämtliche Räume für Unterbringung und Verwaltung am Schacht Ellers befinden, die im Falle der Abgabe in Neuhof erstellt werden müssten.

Knapp eine Woche später fand erneut eine Befahrung der Schachtanlage Neuhof-Ellers durch eine hochrangige Kommission statt, an der Berghauptmann Böhm, Oberbergrat Wunderlich, Oberst Dr. Vogel, Major Gräber und der Oberberghauptmann teilnahmen. Die Delegation kam zu dem Ergebnis, dass die Räume auf Ellers unter bestimmten Bedingungen geräumt und für eine Produktion frei gemacht werden könnten. Um das Wehrmachtsgut aus Ellers nach Neuhof verbringen zu können, sollten zunächst die Räumlichkeiten auf der zweiten Sohle von Neuhof (ca. 20.000 qm) trockengelegt werden. Um eine Einschränkung des Muna-Betriebes zu verhindern, legte der Maßnahmenkatalog weiterhin fest, in Neuhof eine zweite Fördermaschine aufzustellen. Außerdem sah der von Anfang an zum Scheitern verurteilte und kurzfristig unausführbare Plan zum Schutz vor Explosionsstößen vor, die an der rund 1,8 km langen Verbindungsstrecke zwischen den Schächten Neuhof und Ellers liegenden Kammern teilweise zu versetzen und miteinander zu verbinden, um dadurch ein Labyrinth von Strecken zu schaffen.

Am Ende der Besprechung verwies der Vertreter der Wehrmacht, Oberst Dr. Vogel, auf Alternativen und führte aus, dass außerhalb seines Amtsbezirks Heeresmunas vorhanden seien, deren Flächen für eine Produktion weitaus besser geeignet seien. Er dachte dabei an die Schachtanlage Bilroda bei Naumburg mit einer Fläche von 7.000 qm und schlug eine weitere Prüfung vor.

Am 23. September 1944 verfügte der „Rüstungsstab“, das OKH habe die Grube Ellers für die Herstellung von Panzergetrieben an den Frankfurter Automobilhersteller Adler abzutreten. Die Freigabe stand allerdings unter der Bedingung, für die Muna zuvor Ersatzräume auf der zweiten Sohle des Schachtes Neuhof zu schaffen. Die Heeresleitung erklärte sich zwar bereit, den Adler-Werken vorab zu gestatten, ihre Maschinen in den Grubenbauen von Ellers abzustellen, aber die Aufnahme des Betriebes wegen einer Anordnung des „Rüstungsstabes“ lehnte sie konsequent ab. Dennoch unterrichteten die Adler-Werke am 9. Oktober 1944 das zuständige Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld, sie werden „auf Anweisung des OKH mit Zustimmung der Feldzeuginspektion in die Grubenbaue des Kaliwerks Ellers eine mechanische Fertigung verlagern“; die zukünftige Korrespondenz habe unter dem Decknamen „Bergwerk GmbH Neuhof“ zu erfolgen. Das Bauvorhaben – Deckname „Schakal“ – stand unter Leitung der Organisation Todt (OT). Über Probleme bei der Wetterführung im Untertagebetrieb setzte man sich bei der weiteren Planung hinweg und erteilte der Nordhäuser Firma Gebhardt & König den Auftrag, die Stollen- und Erweiterungsarbeiten auszuführen.

Eine Untertageproduktion nahm das Frankfurter Unternehmen nicht mehr auf. Ende 1944 waren gerade einmal 1.000 qm im Rohbau hergerichtet. Auf der Baustelle schufteten zwangsverpflichtete „Halbjuden“ und Italienische Militärinternierte, die die OT im Saal der Gastwirtschaft „Imhof“ in Rommerz und im Jugendheim in Opperz unterbrachte. Insgesamt sollten 1.500 Zwangsarbeiter für den Ausbau der Stollen rekrutiert werden, für die im Wald bei Ellers mehrere Baracken errichtet werden sollten. Die Ausbauarbeiten kamen Ende März 1945 zum Erliegen, nachdem der Bahnhof Neuhof bombardiert worden war. Am 29. März 1945 verließen die ortsansässigen Bergleute sowie die Mitarbeiter der Adler-Werke die Baustelle. Das Nordhäuser Schachtbauunternehmen will laut seiner Chronik noch am gleichen Tag von der OT die Anweisung erhalten haben, zur Vorbereitung der Sprengung 10 bis 12 Waggonladungen Sprengstoff in den Schacht zu fahren, doch kam es dazu nicht mehr. Die Amerikaner besetzten die Anlage am 3. April 1945.

Vergleichbar mit Herfa-Neurode gab es auch für Neuhof-Ellers Pläne der amerikanischen Besatzungsmacht, die mit Munition gefüllten Schächte zu fluten. Durch das Verhandlungsgeschick der Werksleitung und das gekonnt vorgebrachte Argument der noch vorhandenen Kalivorräte ließen sich die Amerikaner von ihrem Vorhaben auch an diesem Standort abbringen. 1946 übernahm die „Staatliche Erfassungsstelle für Rüstungsgut“ (STEG) die geordnete Räumung der Munitionsbestände und Vernichtung über Tage. Demontageberichte belegen, dass die Alliierten in Neuhof nicht nur die Bestände der Heeresmunitionsanstalt, sondern zusätzlich Pulver- und Sprengstoffbestände aus dem Werk Allendorf der Verwertchemie (DAG) vernichten ließen. Bis Anfang August 1948 ließ die STEG über 450 t von Allendorf nach Neuhof transportieren. Am 11. Dezember 1948 berichtete die Erfassungsstelle dem stellvertretenden Direktor der Militärregierung für Hessen, dass der Sprengstoffversand von Allendorf nach Neuhof in dem Zeitraum vom 11. bis 25. November 1948 laufend fortgesetzt werden konnte, so „das voraussichtlich bis Ende November die Umlagerung der Pulver- und Sprengstoffbestände nach Neuhof abgeschlossenen sein wird“. 1952 erhielt die Wintershall AG die Doppelschachtanlage zurück, die sie 1954 wieder in Betrieb nahm.