KZ-Außenkommando Kleinbodungen

Am 14. Januar 1944 fand bei der Mittelwerk GmbH eine Besprechung über die Errichtung eines Reparaturwerkes für beschädigte A4-Raketen statt. Albin Sawatzki, Planungsdirektor der Mittelwerk GmbH, führte aus, „dass die Errichtung dieses Werkes im Mittelwerk selbst, wie es geplant war, nicht durchführbar sei, da das Einfädeln von Reparaturgeräten in den Fertigungsfluss zu dauernden Störungen in der Fertigung führen würde“. Die Demag-Fahrzeugwerke mögen prüfen, ob sie die Reparaturen in Berlin-Falkensee durchführen könnten, aber die verneinten. So entschied die Mittelwerk GmbH, in den oberirdischen Grubengebäuden der Preussag in Kleinbodungen ein eigenes Reparaturwerk einzurichten. Der Pachtvertrag der Preussag mit der Heeresnebenmunitionsanstalt Kleinbodungen über die Nutzung der Anlagen lief zum 1. Oktober 1944 aus. Die Muna begann Ende Juni 1944, ihre Munitionsbestände aus den oberirdischen Lagerhäusern zu entfernen. Die Arbeiten erledigten bis zu 60 KZ-Häftlinge des Lagers Ellrich in der Zeit vom 26. Juni 1944 bis Ende September 1944. Täglich wurden sie in Lkws nach Kleinbodungen gefahren, um Sprengstoff und Geschosse in Waggons der Reichsbahn zu verladen. Die SS-Bewachungsmannschaft, ein Stabsfeldwebel, drei Unteroffiziere und zehn Mann, stellte die Heeres-Abnahmebeschussstelle Altengrabow. Das Wachkommando war in einer Baracke auf dem Gelände des ehemaligen Kaliwerks untergebracht. Anfang August 1944 begann die Mittelwerk GmbH mit dem Umbau der Lagerhallen für die Raketenreparaturen. Diese Arbeiten führten wiederum 100 bis 140 Ellrich-Häftlinge durch. In den fertig gestellten Hallen richtete zunächst die Feldwerkstatt Kunz für etwa drei Monate Werkstätten ein.

Am 23. August 1944 bat die Heeresleitung „um endgültige Mitteilung, wann Kleinbodungen zur Aufnahme reparaturbedürftiger und zur Ausschlachtung kommender Geräte klar ist“. Eine handschriftliche Notiz Sawatzkis belegt, dass er die Aufnahme fehlerhafter Geräte für den 7. September 1944 zusagte. Die Mittelwerk GmbH begann allerdings erst Anfang Oktober 1944 mit der Reparatur defekter A4-Raketen. Das benötigte Material wurde in weiteren Grubengebäuden vorgehalten, deren Platz aber nicht ausreichte. So lagerten verschiedene Ersatzteile unter Planen im Freien. Weitere Materiallager mit A4-Komponenten befanden sich in Keula und auf dem Gelände der Heeresmunitionsanstalt Obergebra. Die Reparaturarbeiten führten KZ-Häftlinge durch, von denen einige schon in Friedrichshafen Raketenteile hergestellt hatten. Ende September 1944 verlegte die SS etwa 760 Insassen des KZ Dachau nach Dora, 627 von ihnen gleich weiter nach Kleinbodungen, wo sie „V-Geschosse zerlegen und Material aussortieren“ mussten.

Diese Zuweisung dürfte Mitte Oktober 1944 stattgefunden haben, nachdem das Reparaturwerk unter dem Tarnnamen „Emmi“ am 2. Oktober 1944 den Status eines eigenständigen Dora-Außenkommandos erhielt. Schon am 29. Oktober 1944 schickte es 115 Häftlinge zurück in das Hauptlager, so dass in Kleinbodungen noch 512 KZ-Häftlinge Raketen recycelten. Vom 21. Dezember 1944 bis 20. Januar 1945 zählte das Außenkommando Emmi allerdings wieder 653 KZ-Häftlinge. Gemeinsam mit dem SS-Bewachungspersonal waren sie in zwei ehemaligen Munitionslagerhallen untergebracht. Im Erdgeschoss befanden sich Bad, Klosett und eine „sogenannte Kantine“. In der ersten und zweiten Etage, jeweils „zwei Treppen hoch“, die Schlafräume der Häftlinge. 50 SS-Leute bewachten das mit Stacheldraht umzäunte Lager. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge von Kleinbodungen waren erträglicher als in zahlreichen anderen Lagern des Konzentrationslagerkomplexes Mittelbau-Dora, besonders im Vergleich mit denen der zahlreichen Untertagebaustellen. Die etwas geringere ‚Schlecht-Behandlung‘ der Kleinbodunger Häftlinge zeigte sich etwa darin, dass sie ein Etagenbett nur mit einem weiteren Leidensgenossen zu teilen hatten und die Essensrationen wenigstens den Lebenserhalt sicherten. Die Mittelwerk GmbH hatte Interesse an der Erhaltung der Arbeitskraft dieses ausgebildeten, zum Teil schon in Friedrichshafen eingearbeiteten und nur schwer austauschbaren Reparaturpersonals. Am 4. April 1945 erhielt der Lagerführer, SS-Hauptsturmführer Xaver Stärfl (alias Franz Stofel) den Befehl, das Außenkommando Kleinbodungen zu evakuieren. Noch am gleichen Tag vernichtete die SS sämtliche Betriebsunterlagen.

Die erkrankten und nicht marschfähigen Häftlinge ließ der Lagerführer ins Hauptlager nach Dora zurücktransportieren; am 5. April 1945 mussten die anderen Häftlinge auf dem Appellplatz antreten. Der Slowene Häftling Stojan Trost erinnert sich an den Zählappell: „Die SS-Leute waren mächtig nervös. Sie trieben uns mit ihrem unaufhörlichen ‚Los, los, los‘ an und ließen uns in Fünferreihen antreten. Dann bezogen bewaffnete Wachleute Posten um die Kolonne herum, und der zehntägige Marsch ins Ungewisse begann“. Ehemalige Häftlinge des Außenkommandos bezifferten nach Kriegsende im „Bergen-Belsen-Prozess“ die Marschkolonne auf „etwa 650“ bzw. „613“ Häftlinge; der Lagerleiter Stärfl nannte vor Gericht 610 Häftlinge. Den Zug begleiteten 45 Wachmänner, überwiegend „Volksdeutsche“, sowie zwei Aufseherinnen des aufgelösten Außenkommandos Großwerther. Die mitgeführten Gepäckwagen zogen ausgemergelte Häftlinge, unter ihnen ein Jugoslawe, der sich vier Wochen vorher den Fuß gebrochen hatte. „Er hielt sich am Gepäckwagen fest und humpelte über 200 km mit“, erinnert sich ein Mithäftling.

Am späten Nachmittag des 5. April 1945, nach einem Fußmarsch von etwa 33 km, erreichte die Häftlingskolonne den Bahnhof in Herzberg am Harz, wo sie in einen Zug in Richtung Bergen-Belsen „verladen“ werden sollten. Wenige Stunden zuvor griffen Jagdbomber den Bahnhof an; ein mit Panzerfäusten beladener Zug war in Brand geraten und explodiert. Da das Feuer bei Ankunft der Häftlinge noch brannte, entschied Stärfl, den Transport als Fußmarsch fortzusetzen. Gegen Abend erreichte der Zug „ein kleines Lager“ in der Nähe von Osterode, vermutlich das bereits geräumte Mittelbau-Außenkommando „Dachs IV“. Die Häftlinge übernachteten „in richtigen Baracken“; in der Nacht des 6. April 1945 kampierte der Transport dagegen in der Feldmark bei Seesen im Freien. Am folgenden Tag setzte die Kolonne den Marsch in Richtung Braunschweig fort, gelangte gegen Abend in die Nähe von Salzgitter und hielt Nachtlager in drei Holzschuppen, an deren Ein- und Ausgängen jeweils zwei Wachposten. Dem Lagerältesten, drei Kapos und einem Schreiber gelang dennoch die Flucht.

Am 8. April 1945 erreichte der Transport Rüningen bei Braunschweig, am 9. April 1945 Ohof im Landkreis Gifhorn. Für den Folgetag war ein Nachtlager in Groß Hehlen geplant, ehe der Zug Bergen-Belsen erreichte. Doch der örtliche Militärbefehlshaber ließ die nächtliche Rast unterbinden, in aller Eile wurden die Häftlinge zusammengetrieben und weitergeführt. Spät in der Nacht erreichten sie ein verlassenes Kriegsgefangenenlager auf einem aufgegebenen Flugplatz bei Hustedt. Wer unterwegs das Marschtempo nicht durchhielt, wurden auf der Straße durch Genickschuss getötet. „Der Marsch war für uns, die wir schon total ausgelaugt und erschöpft waren, ein wahrer Kreuzweg“, bezeugt ein Teilnehmer im Bergen-Belsen-Prozess. „Ohne Nahrung, ohne richtige Rast, unaufhörlich vorwärts führte uns der Weg auf ein unbekanntes Ziel hin. Wer unterwegs schlapp machte und nicht mehr in der Lage war, der Kolonne zu folgen, wurde einfach erschossen“. Am 11. April erreichte der Transport schließlich das „Kasernenlager“ des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Etwa 570 der ursprünglich 613 Häftlinge überlebten den Evakuierungstransport. Am 17. November 1945 verurteilte ein britisches Militärgericht den Lagerführer, SS-Hauptsturmführer Xaver Stärfl (alias Franz Stofel) und seinen Stellvertreter, SS-Unterscharführer Wilhelm Dorr, zum Tode. Am 13. Dezember 1945 wurde das Urteil in Hameln vollstreckt.