KZ-Außenkommando Springen (Schacht Heiligenroda III)

Mitte Oktober 1943 fand eine erste Besichtigung des Wintershall-Schachtes Heiligenroda III bei Springen statt. Vertreter des Höhlenstabes prüften die Eignung der Anlage für eine Untertageverlagerung. Am 26. Januar 1944 erhielt die Dorndorfer Wintershall-Hauptverwaltung die Mitteilung, Schacht III werde auf Weisung des RLM und des Speer-Ministeriums dem Bekleidungsamt Sonneberg zur Verfügung gestellt. Dessen Mitarbeiter erschienen drei Tage später in Begleitung von Vertretern des Luftwaffen-Bauamtes Erfurt mit einem Freigabebescheid über 9.600 qm zu Einlagerungszwecken. Die unterirdischen Raumreserven waren damit jedoch bei Weitem nicht ausgeschöpft. Daher besichtigten von Februar bis Juni 1944 – begleitet von Vertretern des NS-Staates – ständig Abordnungen der großen deutschen Rüstungsfirmen den Schacht in der Hoffnung, dort Teilbereiche ihrer Produktion vor Bomben geschützt unterzubringen. Den Anfang machten am 2. Februar 1944 in Begleitung eines Mitarbeiters des Amtes Bau im Speer-Ministerium die Vereinigten Kugellagerfabriken Schweinfurt. Auf Weisung des Hauptausschusses Waffen desselben Ministeriums fanden sich am 7. Februar der Betriebsleiter einer Hamburger Maschinenfabrik und der Direktor der Wittenauer Maschinenfabrik in Berlin ein.

Am 10. März erteilte das Rüstungskommando Eisenach der Firma J. M. Lehmann aus Heidenau eine Besichtigungsfreigabe. Am 26. April folgte ein Lokaltermin mit der Frankfurter Firma Messer & Co. und am 8. Mai mit Zeiss Jena. Wenige Tage vorher hatte das Speer-Ministerium das Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld unterrichtet, der Luftwaffe werden „die bereits am 12. Januar 1944 für Lagerzwecke unwiderruflich zur Verfügung gestellten unterirdischen Räume im Salzbergwerk Heiligenroda III bei Dorndorf“ nunmehr ohne Vorbehalt zur Nutzung überlassen. Ende Mai stand zur Diskussion, Teilbereiche der Anlage den Feinmechanischen Werkstätten Erfurt zuzuweisen, aber das Unternehmen konnte seine Forderung nicht durchsetzen. Am 7. Juni 1944 inspizierte eine Kommission des Jägerstabes mit Vorständen von Henschel, BMW und den Niedersächsischen Motorenwerken (Niemo) neben Salzungen/Kaiseroda auch alle drei Heiligenröder Schächte. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Anlage Heiligenroda I durch die Kaliförderung voll ausgelastet sei und für einen anderen Zweck nicht in Frage käme, zudem verkehrstechnisch ungünstig läge. Positiv bewertet wurde der Doppelschacht Heiligenroda II und III. Der Jägerstab stellte sich auf der ersten Sohle 70.000 qm für Produktions- und Lagerräume vor. Offenbar erhielt – wie am gleichen Tag in Salzungen/Kaiseroda – BMW Eisenach auch hier eine sofortige Zusage, denn einer internen Notiz der Werksleitung zufolge hatte der Betrieb bereits Mitte Juni 1944 Untertageräume der Schächte Heiligenroda II/III mit seinen Werkzeugmaschinen belegt.

Das RWM stellte die Wintershall AG als Eigentümerin der Doppelschachtanlage mit Schreiben vom 30. Juni 1944 vor vollendete Tatsachen und wies gleichzeitig darauf hin, dass „eine vorübergehende Einstellung der Kaliproduktion in Kauf genommen werden“ müsse. Wie unsicher die Position BMWs zu diesem Zeitpunkt noch war, zeigt der Umstand, dass auch das Luftwaffenbekleidungsamt Bielefeld Mitte Juli 1944 Ansprüche auf Räume der ersten Sohle erhob, die der Hersteller von Flugmotoren für Härterei, Werkzeugbau und Galvanik vorgesehen und teils wohl schon in Betrieb genommen hatte. Um die Forderungen abzuwehren, verlangte BMW vom Jägerstab das alleinige Verfügungsrecht über die Anlage. Der Bescheid ließ nicht lange auf sich warten. Am 21. Juli 1944 teilte das RWM dem Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld mit, auf Veranlassung des Jägerstabes sei der Schacht Heiligenroda III mit etwa 40.000 qm – also weniger als zunächst erhofft – für die Teilefertigung des BMW-Flugmotors 801 zu sperren. Die Produktionsräume hätten auf der ersten Sohle zu liegen. Für das Luftwaffenbekleidungsamt seien ausreichend Lagerräume an anderer Stelle im Schacht vorhanden. Der zu verlagernde Betrieb habe „eine von der Stammfirma abweichende Firmenbezeichnung zu führen und dafür Sorge zu tragen, dass ein Zusammenhang mit der Stammfirma an dem neuen Ort in einer irgendwie gearteten Form nicht in Erscheinung tritt“. In Umsetzung dieses Erlasses erhielt das BMW-Bauvorhaben den Decknamen „Kalb“. Offenbar kam der Ausbau langsamer voran als angenommen.

Ende Oktober 1944 forderte BMW-Direktor Meinicke, die Bauarbeiten müssten innerhalb von drei Monaten abgeschlossen sein. Um das zu bewerkstelligen, sei die Kali-Förderung aus Schacht I bis Ende 1944 völlig einzustellen. Außerdem sei die Personalstärke auf 4.400 Arbeitskräfte zu bringen, um die 40.000 qm Stollenfläche herzurichten. Mitte Dezember 1944 waren die bergmännischen Vorarbeiten in den Strecken beendet. Die vier Hektar unter Tage reichten BMW aber nicht mehr aus, weil der Konzern inzwischen beschlossen hatte, dort ebenfalls die Presserei unterzubringen. Das Unternehmen meldete bei der „Planung Kali“ weiteren Bedarf von über 30.000 qm an. „Planung Kali“ legte am 19. und 20. Dezember dar, dass das zusätzliche Vorhaben bergmännische Bauarbeiten von mindestens drei weiteren Monaten erfordere, insbesondere, weil Räume von 10 Meter Höhe und Fundamenttiefen von vier Metern zu erstellen seien. Die bisher aufgelaufenen Kosten betrügen bereits über 1,5 Millionen RM, die das Reich zu tragen hätte. Am 15. Januar 1945 nahm Dr. Wegener von der Planungsabteilung des Jägerstabes zur Antragsentscheidung eine Ortsbesichtigung vor. Er fand 40.000 qm planiert vor, 12.000 qm betoniert und bereits mit der Herstellung von 1.500 Flugmotoren der Serie TL 003 im Betrieb. Wegener hält in seinem Abschlussbericht fest, dass die zwölf Hallen mit je 3.000 qm bestens geeignet seien. Dies treffe ebenso auf die für die zentrale Presserei vorgesehenen Räumlichkeiten zu. Der Fortgang der Betonierung sei abhängig von der Bereitstellung weiterer LKWs, denn noch fehle eine acht Kilometer lange Gleisanlage.

Außerdem sei die Unterbringung „der Gefolgschaft in Baracken noch nicht sichergestellt“, diesbezüglich solle Gauleiter Sauckel eingeschaltet werden. Weiter forderte Wegener, in den fertig gestellten Teilen beschleunigt jene Maschinen aufzustellen, die BMW bisher nur vorläufig gelagert habe. Am 19. Januar 1945 teilte das RWM dem Rüstungsamt mit, es erkläre sich mit der Sperrung weiterer 30.000 qm für die Produktion (Pressen) im Bauvorhaben „Kalb“ einverstanden. Mitte Januar 1945 beklagte BMW einen ungedeckten Personalbedarf von 700 Arbeitskräften, der sich durch die geplante Erweiterung weiter verschärfte. Abhilfe beschaffte sich der Konzern aus den Konzentrationslagern. Am 20. Januar 1945 kommandierte Buchenwald 500 Arbeitssklaven zum Bauvorhaben „Kalb“ ab. Die Häftlinge wurden per Bahn auf den Bahnhof Dorndorf transportiert; die sieben Kilometer zum Schacht mussten sie zu Fuß zurücklegen. Vor ihrer Ankunft hatten sämtliche Zivilisten das Schachtgelände zu verlassen, um sie ungesehen in den Schacht zu bringen, in dem sie von nun an zu arbeiten und zu leben hatten. Schlafgelegenheit hatten sie in einer stillgelegten Strecke der ersten Sohle, in den ersten Tagen auf dem nackten Boden. Dann hatten diese BMW-Zwangsarbeiter und Insassen des Außenkommandos „Heinrich-Kalb“ sich Bretter und Holzwolle beschaffen können, mit denen sie sich primitive „Boxen“ zimmerten und ein Lager bereiteten. Für ihre 30 bis 35 Bewacher hatte die SS hingegen in einem Raum neben der Häftlingsunterkunft eine Holzbaracke aufgestellt, obwohl sie sich nur während der Schichtzeiten unter Tage aufhielten. Die Häftlinge wurden zunächst in Wochenabständen für kurze Zeit ans Tageslicht geführt, später schien das völlig unterblieben zu sein.

Die Insassen des Außenkommandos „Kalb“ teilten damit das Schicksal ihrer Leidensgenossen im nur wenige Kilometer entfernten Schacht Kaiseroda I. Auch die auszuführenden Planierungsarbeiten und die Errichtung von Produktionshallen für BMW waren identisch. Schwankungen der Lagerstärke waren gering. Erkrankte und entkräftete Arbeitskräfte ersetzte die SS umgehend. Am 27. Januar 1945 zählte das Kommando „Kalb“ 494, am 14. Februar wieder 500 und am 4. März 480. Am 10. Februar 1945 überstellte die Kommandantur des Außenkommandos zwei und am 24. Februar weitere sechs Häftlinge wegen Arbeitsunfähigkeit ins Stammlager. Am 28. Februar wurden sechs Häftlinge zum Kommando „Rentier“ abgeordnet, das durch den Abzug von 71 Personen nach Buchenwald geschwächt war. Der Großteil der Lagerinsassen war russischer, polnischer, ungarischer, jugoslawischer und rumänischer Nationalität; auch sollen sieben Deutsche darunter gewesen sein. Nach Aussage des Häftlings Albin Leser sollen bis zur Evakuierung im Lager „Kalb“ 25 KZ-Insassen gestorben sein; in Decken gehüllt habe man die Leichen nach über Tage gebracht und im Krematorium von Bad Salzungen verbrannt. Noch am 10. Februar 1945 benachrichtigte das Speer-Ministerium die Rüstungsinspektion Kassel, sein Zentralamt habe eine Verlagerung des Brünner Klöckner-Deutz-Zweigwerks auf 8.000 qm des von BMW genutzten Schachtes Leimbach in Bad Salzungen genehmigt.

Das Werk sei am Notprogramm zur Herstellung des Flugmotors 003 beteiligt und BMW habe sich mit der Aufnahme einverstanden erklärt.2599 Nur wenige Tage später intervenierte der Abteilungsleiter des Amt Bau OT, Berghauptmann Schüring, beim Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld, Speer persönlich dränge darauf, eine kriegsentscheidende Produktion unter Tage anzusiedeln: „Es sei daran gedacht, ‚Kalb‘ gänzlich (alle 3 Schächte!) stillzulegen und an Stelle des Verlagerungsbetriebes ‚Heinrich‘ die neue Waffenfertigung einziehen zu lassen“. Etwa 2.000 Arbeitskräfte seien unterzubringen, größere Umbauten nicht erforderlich, da die benötigte elektrische Leistung etwa der für den ersten Bauabschnitt von „Heinrich“ (40.000 qm) vorgesehenen entspräche. Es handele sich um einen reinen Maschinenwerkstattbetrieb; für den Untertagebetrieb besonders problematische Betriebsabteilungen (Beizerei oder Härterei) kämen nicht in Frage, so dass auch unter dem Gesichtspunkt eine Eignung des Objekts zu bejahen sei. Allerdings müssten alle drei Schächte des Kaliwerkes aus der Produktion genommen und zusätzlich verbunkert werden. Auf den Hinweis, dass für „Heinrich“ eine von Generalkommissar Kessler betreute, besonders wichtige Kriegsproduktion vorgesehen sei, erwiderte Schüring, das sei ihm bekannt; aber bereits aus der Tatsache, dass für das neue Vorhaben Reichsminister Speer persönlich die Verantwortung übernommen habe, sei zu ersehen, dass es vor dem Auftrag des Generalkommissars Kessler rangiere. Schüring ordnete an, das Gespräch gegenüber „Planung Kali“ zunächst geheim zu halten.

Im März 1945 wies die OT-Bauleitung weitere 800 russische Zwangsarbeiter zu, die mit Straßenbauarbeiten sowie anderen Tätigkeiten über Tage die Infrastruktur für den Verlagerungsbetrieb herstellten. Für diese Arbeitskräfte gab es keine Quartiere; sie wurden ebenfalls in den unterirdischen Grubenräumen untergebracht. Dort herrschten eh schon katastrophale Bedingungen. Sanitäre Einrichtungen fehlten völlig. Es überrascht nicht, dass Mitte März 1945 ein Typhusfall auftrat. Ende März 1945 ordnete Buchenwald die Teilauflösung des Außenkommandos „Kalb“ an; zunächst wurden 385 Zwangsarbeiter wieder ins KZ Buchenwald zurückgeführt. Am frühen Morgen des 28. März erhielten sie den Marschbefehl. Viele von ihnen hatten seit Wochen kein Tageslicht mehr gesehen und unterließen es, bei der Ankunft über Tage die Augen zu schließen. Die extreme Lichteinwirkung ließ sie wie Betrunkene taumeln. Noch Stunden später waren sie blind, so dass sie nur inmitten der Kolonne, umringt und geführt von den anderen, überlebten. Die KZ-Insassen waren derart geschwächt, dass viele sich kaum auf den Beinen hielten.

Wer nicht mithielt, wurde von den SS-Begleitern aus der Kolonne geholt und durch Genickschuss getötet. „Mancher Häftling, der von uns untergehakt wurde, weil er nicht mehr gehen konnte, stürzte zu Boden und wankte zum Straßenrand. Ein SS-Posten ging zu ihm und schoss ihm eine Kugel in den Kopf. Mit dem Fuß stieß man die Ermordeten in den Graben“, berichtet der Mithäftling Joseph Arturjanz, der den Transport überlebte. „Kurz vor Ilmenau sackte der Zahnarzt Dr. Münster aus Remderode bei Jena zusammen. ‚Mein Herz, mein Herz‘, jammerte der Häftling. Ich sah noch, wie er sich auf einen Kilometerstein setzte und von einem schnell hinzutretenden SS-Mann mit der Pistole in den Hinterkopf geschossen wurde“. Artujanz schildert weiter, die SS habe allein in der Region Ohrdruf sechs Häftlinge erschossen. Für den folgenden Weg sind ebensolche Erschießungen, aber keine Opferzahlen überliefert. Der Transport führte über Bad Salzungen, Ohrdruf, Crawinkel, Ilmenau, Stadtilm, Kranichfeld und Bad Berka nach Buchenwald, das er am 3. April erreichte. Um den 10. April 1945 löste die SS das Außenkommando „Kalb“ vollständig auf; über das Schicksal der letzten 93 Häftlinge ist nichts bekannt.