Zwangsarbeit und Raketenrüstung

Der Aufbau des A4-Serienwerkes im Kohnstein und des Lagers Dora

Die Unter-Tage-Verlagerung der Raketenproduktion in die von der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft (Wifo)  seit Sommer 1936 als Treibstofflager im Kohnsteinmassiv bei Niedersachswerfen errichtete Stollenanlage leitete ein neues Entwicklungsstadium auf dem Weg zum totalen Krieg und zum Völkermord ein. Enthusiastische Planungen sahen seit Spätsommer 1943 vor, in der Region um Nordhausen eine Art Festung, Zentrum und letzten Zufluchtsort der deutschen Kriegsindustrie zu schaffen. Gezielte alliierte Luftangriffe auf Rüstungsfabriken hatten diese Entwicklung ausgelöst. So traf insbesondere der von der Royal Airforce als „Operation Hydra“ bezeichnete Angriff auf die Heeresversuchsanstalt Peenemünde in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 einen neuralgischen Punkt; sollten hier doch die „Wunderwaffen“ hergestellt werden, auf denen die Hoffnung der deutschen Führung beruhte, dem Krieg noch eine Wende zu geben. Am 21. Juni und 13. August 1943 beschädigten die Alliierten, ohne es zu wissen, in Friedrichshafen (Luftschiffbau Zeppelinwerke GmbH) und der Wiener Neustadt (Rax-Werke) bereits die anderen Raketenwerke, als sie benachbarte Industrieanlagen bombardierten.

Die drastischen Verluste und Ausfälle führten zu hektischen Aktivitäten auf oberster Regierungsebene, beim Militär und den NS-Organisationen. Die Situation bot der SS die Gelegenheit, verstärkt KZ-Häftlinge in das Raketenprogramm einzubringen und damit selbst den entscheidenden Einfluss zu erhalten. Einen Tag nach dem Angriff auf die Heeresversuchsanstalt Peenemünde am 19. August 1943 fand sich SS-Chef Heinrich Himmler im Führerhauptquartier ein und schlug Hitler vor, die Produktion der A4, propagandistisch als V2 bezeichnet, in SS-Regie zu übernehmen. Das Ergebnis dieses Gespräches fand in einem Erlass Hitlers vom Folgetag Niederschlag: „Der Führer ordnet auf Grund eines Vorschlages an, dass alle Maßnahmen ergriffen werden, um gemeinsam mit dem Reichsführer SS unter starker Einschaltung seiner Kräfte aus den Konzentrationslagern den Bau der entsprechenden Fertigungsanlagen und die Fertigung von A4 erneut voranzutreiben. Der Führer entscheidet dabei, dass die bisherigen Anlagen lediglich als Übergangsanlagen solange mit Nachdruck weiter errichtet werden und darin gefertigt wird, bis eine endgültige Fertigung an gesicherten Orten und in gesicherter Form unter möglichst starker Heranziehung von Höhlen und sonst geeigneten Bunkerstellungen gewährleistet ist“.

 Damit hatte die SS eine Schlüsselrolle bei der Durchführung des Raketenprogramms übernommen. Am 21. August 1943 machte Himmler seinen Führungsanspruch gegenüber Rüstungsminister Albert Speer geltend: „Mit diesem Brief teile ich Ihnen mit, dass ich als Reichsführer-SS verantwortlich die Fertigung des A4-Gerätes gemäß unserer gestrigen Absprache übernehme. (…) Ich habe die Aufgabe SS-Obergruppenführer Pohl übertragen und ihm als verantwortlichen Leiter SS-Brigadeführer Dr. Kammler eingesetzt“. Am 25. August 1943 wurde Walter Dornberger, Abteilungsleiter für Raketenentwicklung beim Heereswaffenamt, von Hitlers Weisung über die Untertageverlagerung in Kenntnis gesetzt. Am nächsten Tag fiel die Entscheidung über den Ort der neuen Untertagefabrik. Rüstungsminister Speer hatte Dornberger, Dr. Ing. Hans Kammler (seit 1942 Chef der Amtsgruppe C/Bauwesen im WVHA), Gerhard Degenkolb (Leiter des für die Raketenproduktion zuständigen „Sonderausschusses A4“) und Karl-Otto Saur (Chef des Technischen Amtes im Rüstungsministerium) zu einer Besprechung in seinem Büro zusammengerufen. Sie berieten über „Einzelmaßnahmen und die Wahl der Herstellungsorte“ für das Raketenprogramm. Es wurde beschlossen, die Entwicklung vollständig von der Serienproduktion zu trennen und ein zentrales Montagewerk in die durch KZ-Häftlinge für diesen Zweck noch herzurichtende Stollenanlage der Wifo im Kohnstein in die Nähe der thüringischen Stadt Nordhausen zu verlegen. Die bisherigen Standorte sollten allesamt aufgelöst werden. Bereits Mitte Juli 1943, als die Gefährdung der Raketenproduktion durch Luftangriffe immer deutlicher wurde, hatte Paul Figge, verantwortlich für die Zulieferung innerhalb des „Sonderausschusses A4“, das Untertagelager der Wifo ausgemacht und besichtigt.

Seit 1936 hatte die Wifo in mehreren Bauabschnitten ein leiterförmiges Stollensystem in den Berg gesprengt. Die einzelnen Kammern waren durch zwei Fahrstollen miteinander verbunden. Im August 1943 war die Anlage der Wifo soweit errichtet, dass der Fahrstollen B den Kohnstein auf einer Länge von 1,8 km von Norden nach Süden durchzog, während der südliche Zugang zum Fahrstollen A bis dahin nicht hergestellt war; es fehlten etwa 200 m Stollenlänge. Die ersten 42 jeweils 166 m langen Querstollen, die die beiden Fahrstollen A und B miteinander verbanden, waren fertig gestellt. Die zum Teil noch nicht ausgebauten Kammern 43 bis 46 reichten hingegen nur vom Fahrstollen A bis zum mittleren „Bedienungsstollen“ und waren annähernd 80 m lang. Von den Nordportalen bis auf die Höhe der Kammer 17 waren in beiden Fahrstollen jeweils zwei Normalspurgleise der Reichsbahn verlegt. In den sich daran anschließenden Bereichen befanden sich die beiden Fahrstollen im Rohzustand, sie waren weder betoniert noch planiert. In den ersten 24 Kammern hatte die Wifo Benzin- und Ölfässer eingelagert. In den durch den Bedienungsstollen geteilten Kammern 25 bis 42 sollten je zwei runde Großtanks von 70 m Länge eingebaut werden. Deshalb hatte die Wifo die Stollen in diesem Bereich kreisrund angelegt. Zudem lag deren Sohle unterhalb des Fahrstollenniveaus, so dass vor einer Aufstellung der Maschinen für die Raketenmontage umfangreiche Bauarbeiten erforderlich waren.

Ein Umstand, der mehreren tausend geschundenen Zwangsarbeitern das Leben kostete. Die Forderung nach Einsatz von Arbeitskräften aus Konzentrationslagern war für die Raketenbauer nicht neu. Der Sonderausschuss A4 äußerte erstmals Anfang April 1943 den Wunsch nach „KZ-Leuten“. Am 12. April 1943 reiste eine Delegation des Gremiums zu den Heinkel-Werken in Oranienbaum, die bereits seit Sommer 1942 in großem Umfang Häftlinge des nahe gelegenen Konzentrationslagers Sachsenhausen in der Flugzeugproduktion beschäftigten und damit in ihrem Sinne gute Erfahrungen gemacht hatten. Der technische Direktor des Peenemünder Versuchsserienwerkes, Artur Rudolph, führt in seinem Bericht über die bei Heinkel vorgefundenen Bedingungen akribisch aus: 54-Stunden-Woche plus 5 Stunden Sonntagsarbeit, Unterbringung in jeweils 4 Betten übereinander und ganz eng nebeneinander, elektrisch geladener Stacheldrahtzaun, Türme mit Wachposten, Scheinwerfern und MG“. Genau wie Himmler vier Monate später, als es um die Errichtung des Mittelwerkes ging, wies Rudolph auf einen „erheblichen Vorteil“ hin: KZ-Häftlinge böten gegenüber anderen Arbeitskräften „die größere Sicherheit für die Geheimhaltung“. Er schloss mit der Feststellung: „Der Betrieb der F1 kann mit Häftlingen durchgeführt werden“. Das Versuchsserienwerk solle durch Detmar Stahlknecht, Leiter der sog. Peenemünder Nachbaudirektion, einen Antrag an den Sonderausschuss A4 stellen, der ihn an die SS weiterleiten werde.

Der Vorschlag Rudolphs wurde von den Verantwortlichen des Gremiums begeistert aufgenommen. Sechs Wochen später, am 2. Juni 1943, stellten die Peenemünder einen formellen Antrag auf Zuweisung von „vorerst“ 1.400 KZ-Häftlingen, die nach bestimmten Fähigkeiten ausgesucht werden sollten. Der Beauftragte für den Arbeitseinsatz im Sonderausschuss A4 legte für die in Peenemünde eingesetzten Zwangsarbeiter eine Höchstgrenze von 2.500 fest. Nur zwei Wochen später, am 17. Juni 1943, begann die Spirale des KZ-Häftlingseinsatzes im Raketenbau mit dem Eintreffen der ersten 200 Buchenwald-Häftlinge in Peenemünde. In kurzen Abständen wurden es mehr. Schon drei Tage später wurden etwa 500 weitere Personen aus dem KZ Mauthausen in die zweite Raketenproduktionsstätte, die Wiener Rax-Werke, überstellt. Hitlers Forderung vom 8. Juli 1943, dass „in der Fertigung der A4 nur Deutsche zu verwenden seien“, war zum Zeitpunkt ihrer Äußerung längst unerfüllbar. Vielmehr war ohne ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge nicht nur der Bau und die Errichtung der Serienwerke unmöglich, sondern auch die Produktion selbst. Anfang August 1943 standen die Raketenbauer vor der Frage, ob Konzentrationslagerhäftlinge, die bisher lediglich beim Bau und der Einrichtung der Werke gearbeitet hatten, auch in der Fabrikation beschäftigt werden könnten. Am 4. August 1943 fiel die Entscheidung, dass „die Fertigung in allen 4 Serienwerken durch Sträflinge durchgeführt“ werden müsse. Jeweils 1.500 Häftlinge sollten bei den Zeppelinwerken in Friedrichshafen, in den Rax-Werken in der Wiener Neustadt und in Berlin-Falkensee zur Serienproduktion der A4-Rakete herangezogen werden.

Für Peenemünde waren weitere 2.500 Zwangsarbeiter vorgesehen. Dabei sollte „das Verhältnis der deutschen Arbeiter zu den KZ-Häftlingen (…) 1:15, höchstens 1:10betragen. Die alliierten Bombenangriffe durchkreuzten allerdings dieses Vorhaben. Trotzdem blieb es bei der geplanten Ausbeutung von Tausenden von KZ-Arbeitssklaven, nur an anderem Ort. Dies zeigt, dass Insassen der Konzentrationslager von Anfang an bei der Schaffung der Werksanlagen und der Produktion der A4-Rakete eingeplant und eingesetzt wurden. Das Lager Dora fand damit seine Vorläufer in den ‚Raketen-KZs‘ Karlshagen auf Usedom, Friedrichshafen und Wiener Neustadt. Durch den Transfer des Maschinenparks, die Übernahme des Personals einschließlich der Häftlingsarbeiter flossen die Erfahrungen aus jenen Konzentrationslagern in den Aufbau Doras und in die betriebliche Einbindung als KZ in die Raketenfabrik des Mittelwerkes ein. Am 28. August 1943 verließ der erste Transport mit 107 Häftlingen das Konzentrationslager Buchenwald und traf gegen Nachmittag in Salza bei Nordhausen ein. „Eines Tages erhielt ich den Befehl, mich als Mediziner für einen Transport fertigzumachen. Wir waren 107 Gefangene, wie ich mich erinnere. (…) Der Bestimmungsort war unbekannt. Auf unsere Fragen gab es keine Antworten. Nach unserer Ankunft sahen wir, dass ein neues Lager entstanden war. Es befand sich eine große kahle Fläche vor einem Berg. In diesem Berg gab es einen Tunnel. (…) Man ließ uns in einer Stacheldrahtumzäunung auf dieser Fläche zurück. (…) Ein Zelt war auf dem Gelände vor den Stolleneingängen draußen für den Arzt aufgeschlagen worden“.

Zur Unterbringung der Gefangenen richtete die SS in den Querstollen 43 bis 46 provisorische Unterkünfte ein. Die ersten Planungen sahen vor, synchron zu den Ausbrucharbeiten den Bau eines Barackenlagers in der Nähe des Fahrstollens B voranzutreiben, aber das scheiterte am Einspruch Kammlers, der die Schaffung von Häftlings-Unterkünften als weniger dringlich einstufte. Er soll seinen Arbeitsstab angewiesen haben: „Kümmern Sie sich nicht um die menschlichen Opfer. Die Arbeit muss vonstattengehen, und in möglichst kurzer Zeit“. Anfänglich schliefen die Häftlinge auf Strohsäcken, die sie auf den blanken Fels legten. „Angekleidet, so wie wir waren, legten wir uns auf die (…) Strohsäcke“, erinnert sich der ehemalige Dora-Häftling Josef Thykal, „Von der Decke und den Wänden tropfte Wasser auf uns. Bevor wir einschliefen, mussten wir solch eine Lage finden, um nicht in einer Pfütze zu liegen“. Im September 1943 ließ die SS zur Unterbringung weiterer KZ-Zwangsarbeitern hölzerne Etagenbetten einbauen. „Sanitäre Einrichtungen gab es nicht, (nur) halbe Karbidfässer für die Notdurft der Häftlinge“. Teils sahen die Stollenarbeiter über Monate hinweg kein Tageslicht. Überlebende erinnern sich insbesondere an den pestilenzartigen Gestank und die staubige Luft, in der sie arbeiteten. Für die ständig gleich bleibende Temperatur von acht Grad im Inneren des Berges waren sie nur unzureichend bekleidet. Allenfalls zu den sonntäglichen Appellen hatten die Häftlinge Gelegenheit, den Kohnstein zu verlassen. Im November 1943 waren es etwa 8.500, die derart unter Tage vegetierten. Sie verlängerten den Fahrstollen A nach Süden, stellten weitere Kammern fertig, begradigten die Tunnelwände, füllten die künftigen Werkshallen mit Gesteinsschotter auf, betonierten die Flächen und legten Versorgungsleitungen.

Georges Deprez erinnert sich an die Bedingungen seines Sklaveneinsatzes unter Tage: „Am 3. September 1943 kommen wir in Dora an. Im Schlamm stehend, warten wir einige Stunden. Dann gehen wir in Richtung eines Stollens. Als wir 50 Meter nach dem ersten Eingang durch das zweite Tor gehen, können wir in einem bleiernen Nebel kaum noch zehn Meter weit sehen. Der Geruch von verbranntem Pulver würgt uns und das dumpfe Geräusch von Explosionen erfüllt uns mit Schrecken. Mit der Reitpeitsche führt man uns, im Halbdunkel unter den kaum sichtbaren Glühbirnen über Steine stolpernd, durch die Katakomben bis zum Stollen 45. Das ist unser Schlafraum“. Weiter heißt es: „Aber kaum haben wir uns hingelegt oder hingehockt, werden wir schon wieder mit Knüppelschlägen losgetrieben. Ohne Pausen führt man uns in andere Stollen. Einige werden zum Bohren eingeteilt, andere zum Steineklopfen oder Füllen und Schieben der Loren. Wir schlafen an Ort und Stelle. Erst drei Tage später bekommen wir endlich ein Stück Brot und einen Liter Wasser mit Rüben, die wir zwischen den Leichen und Sterbenden hockend (…) herunterschlingen“. Die SS hatte die Bauhäftlinge in unterschiedliche Arbeitskommandos eingeteilt, die direkt den ausführenden Firmen unterstellt waren.

Die fürchterlichen hygienischen Verhältnisse im Stollen, die mangelnde Ernährung und die überharten Arbeitsbedingungen führten ab Dezember 1943 zu Ruhrepidemien, Lungenentzündungen und Tuberkuloseerkrankungen. Während die Zahl der Toten im Oktober noch bei 18, im November schon bei 172 lag, stieg sie im Dezember auf 670. Von Januar bis März 1944 starben täglich durchschnittlich 20 bis 25 Häftlinge, und nach sechs Monaten waren nach offizieller Zählung 2.882 Menschen den Qualen erlegen. In den Anfangsmonaten ließ die Lagerleitung die Leichen auf Lastwagen nach Buchenwald bringen und dort im Krematorium verbrennen. Im Januar 1944 erhielt Dora eine mobile Verbrennungsanlage, die bis zur Fertigstellung eines massiv gemauerten Krematoriums im März 1944 im Einsatz war. Zu der offiziellen Zahl der in den Lagerlisten ausgewiesenen Toten muss die gleiche Zahl an Opfern hinzugerechnet werden, die erkrankt oder nicht mehr arbeitsfähig waren und nach einer Selektion durch die SS regelmäßig in die Vernichtungslager des Ostens geschickt wurden. Am 6. Januar 1944 verließ ein erster für das KZ Lublin-Majdanek bestimmter „Liquidierungstransport“ mit 1.000 Häftlingen das Lager Dora. Genau einen Monat später schickte die SS einen weiteren mit ebenso vielen Personen nach Majdanek. Zudem wurden 1.000 meist tuberkulosekranke Häftlinge am 27. März 1944 auf dem Weg vom Lager Dora in Richtung Bergen-Belsen gebracht; nur 52 von ihnen erlebten das Kriegsende.