Heeresmuna Berka/Wipper bei Sondershausen

Trotz der schlechten geologischen Verhältnisse, die grundsätzlich gegen eine Nutzung sprachen, fiel beim Oberkommando der Wehrmacht im Frühjahr 1937 die Entscheidung, nach dem Vorbild von Bernterode auch die Schächte III (Müserschacht) der Burbach-Kaliwerke AG und IV (Raudeschacht) der Wintershall AG als unterirdische Lagerstätte für Munition auszubauen. Die Kaliförderung war schon im Jahr 1924 eingestellt worden. Die unter Tage miteinander verbundenen – also durchschlägigen – Schächte waren über Tage mit einem Betondeckel versehen. Lediglich das Fördergerüst des 745 m tiefen Schachtes IV war noch vorhanden, aber außer Betrieb. Den 656 m tiefen Schacht III legte die Burbach Kaliwerke AG als Reserveschacht bis 1953 komplett still. Am 6. Februar 1937 hielt der Reichs- und Preußischen Wirtschaftsminister bei seinem Thüringer Amtskollegen Nachfrage, welche Schachtanlagen für die Einlagerung von Heeressprengstoffen und Munition innerhalb Thüringens in Betracht kämen. Am 9. März 1937 antwortete er im Hinblick auf die Sondershäuser Schächte, dass „Raum zur Lagerung von Munition (…) in der Nähe des Schachtes IV“ vorhanden sei. Im Oktober 1937 erklärten beide Eigentümer ihre Bereitschaft, dem Heeresfiskus die stillgelegten Schachtanlagen für militärische Zwecke zur Verfügung zu stellen.

In den folgenden Jahren fanden umfangreiche Baumaßnahmen unter und über Tage statt. Allerdings kamen diese nur schleppend voran. Ende November 1938 befand sich die Anlage noch im Bau. Die Folgemitteilung vom 1. Juni 1939 ist gleichlautend. Bis Mitte Januar 1940 investierte das Heer über neun Millionen RM in den Umbau der Anlage, ohne dass die Arbeiten damit abgeschlossen waren. Am 27. Februar 1940 genehmigte der Reichswirtschaftsminister die oberirdische Lagerung von Salzen, die bei der Errichtung neuer Munitionslagerräume unter Tage anfallen würden. Erst im Herbst 1940 waren die unterirdischen Munitionslagerräume vollständig hergerichtet. Der Nutzungsvertrag mit den Eigentümern und dem Reichwehrfiskus gelangte Anfang November 1940 bzw. Anfang Januar 1941 zur Unterzeichnung, und zwar rückwirkend ab Januar 1938 bis Ende Dezember 1953.

Konkrete Angaben, ab wann Munitionsbestände in den Schächten eingelagert wurden und in welchen Mengen, ließ sich bislang nicht verlässlich ermitteln. Schwerpunktmäßig ließ das Heer im Nordfeld in der Nähe des Schachtes IV der Gewerkschaft „Glückauf Ost“ etwa 40 Munitionslagerkammern (Querstollen 7 und 9 bis 16) für eigene Zwecke zur Einlagerung von Munitions- und Pulverbeständen herrichten. Von jedem Querstollen zweigten jeweils drei Lagerkammern ab. Im Müserschacht lagerten, wenn überhaupt, nur geringe Bestände an Rüstungsgütern ein. Im Sommer 1944 verlegte die Munitionsanstalt aus Angst vor Luftangriffen einen Teil der bis dahin über Tage im Fertigungsgebiet stattfindenden Munitionsproduktion ebenfalls nach unter Tage in den Raudeschacht. Eine Munitionsarbeiterin gab Mitte 1990 zu Protokoll: „Nach zwei Jahren Arbeit im F-Gebiet habe ich meine Arbeit in der Grube (Raude-Schacht) aufgenommen. Das ergab sich daraus, dass Granaten für die Pak-Geschütze (Panzerabwehrkanone) fertiggestellt werden mussten. Die Kartuschen für diese Munition waren in ausreichender Menge im F-Gebiet vorhanden. Meine damalige Freundin Anneliese K. musste in einem Bunker, der mit Filz ausgelegt war, Zünder prüfen. Einmal hat eine Zündladung gefehlt, da mussten alle unten bleiben, bis diese gefunden war. Die Zündladungen waren genau abgezählt. Die Zünder bekamen wir von der Fa. Rheinmetall Sömmerda geliefert. Bei den Verladearbeiten waren russische Zwangsarbeiter eingesetzt. Die Granaten wurden in geflochtenen Weidekörben transportiert, die verdeckelt, verplombt und verladen wurden. Die deutschen Arbeiter hatten alle eine Schwerstarbeiterkarte“.

Über Tage nutzte das Heer ausschließlich Anlagen des stillgelegten Schachtgeländes IV und erweiterte die vorhandene Bausubstanz um ein Verwaltungsgebäude, ein Wohngebiet, ein dreigeschossiges Lagerhaus, eine Kraftfahrzeughalle, ein Wachgebäude, ein Feuerlöschgerätehaus und ein Lagerhaus für feuergefährliche Güter. Zudem errichtete das Heer ein neues Kauengebäude. Unmittelbar an das Schachtgelände angrenzend entstand ein Lagergebiet, bestehend aus vier massiven Gebäuden, die vorwiegend unscharfe Munitionsteile aufnahmen. Außerdem fanden neben dem Schachtgelände mindestens sechs Unterkunftsbaracken für Arbeitskräfte, zumeist ausländische Zwangsarbeiter, Aufstellung. Die Werksanlage IV war über einen Bahnanschluss mit dem von der Heeresmunitionsanstalt neu geschaffenen Fertigungsgebiet, das sich aus Sicherheitsgründen etwa zwei Kilometer vom Schacht entfernt in einem Waldstück befand, verbunden. Das Bleicheröder Bauunternehmen Ohl & Vattrodt errichtete dort im Auftrag der Heeresverwaltung ab 1938 sieben Munitionsfertigungshäuser – davon zwei als Reserve –, ein Löthaus, zwei Handmunitionshäuser, eine Zentrale für Wärme-, Wasser- und Notstromanlage sowie ein Wohlfahrtsgebäude. Die ersten Gebäude des Fertigungsgebietes (Bauvorhaben 9146) nahm das Heeresbauamt Nordhausen am 12. April 1941 ab. Die letzte Bauabnahme erfolgte am 24. November 1941. Hinter der Wache befand sich eine große Lagerhalle, die komplett mit leeren Munitionskisten, die von der Front zurückgeschickt wurden, gefüllt war.

Spätestens ab Sommer 1941 ließ die Muna in den Gebäuden des Fertigungsgebietes Kartuschbeutel nähen und mit Pulver, das u. a. aus Düneberg kam, befüllen. Auch wurde Munition bezündert, die danach unmittelbar an die Front ging. Eine ehemalige Munitionsarbeiterin erinnert sich: „Ich war zur Arbeit als Näherin im Arbeitshaus IV im F-Gebiet eingeteilt. Dort wurden Flak- und Pak-Patronen schussfertig gemacht. Der Arbeitsablauf war folgendermaßen: die Ladungen wurden gestanzt, Datum und Name der HMA und Geschossbezeichnung wurde auf die Munition gestempelt. Das B stand für den Namen des verantwortlichen Feuerwerkers der HMA zur Kontrolle. Zwei russische Zwangsarbeiter haben das Pulver gebracht. Die Wiegerinnen mussten das Pulver auf Briefwaagen grammgenau abwiegen. Das abgewogene Pulver (sechs verschiedene Pulversorten, je nach Munitionsart) wurde in Mulden (Schalen) bereitgestellt. Die Mulden wurden an die Nähmaschine gebracht und das Pulver in getränkten Stoff (wegen Brandgefahr) eingenäht. Es war immer ein Hauptmann zur Abwehr von Sabotage und Kontrolle der Arbeiten anwesend. Danach wurde die Ladung in Mulden zusammengestellt und in Kartuschen gefüllt. Diese Arbeiten wurden durch einen Vorarbeiter kontrolliert.“ Weiter führt sie aus: „Die Schicht, in der ich arbeitete, hat um 6.30 Uhr begonnen und endete um 16.00 Uhr. Die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen wurden zum Dienst mit einer kleinen Lokomotive mit Personenanhänger in das F-Gebiet gefahren, wo regelmäßig Alarmübungen durchgeführt wurden“.

Die Produktion geriet wiederholt ins Stocken. So rügte das zuständige Feldzeugkommando häufig Minderleistungen. So konnten Mitte September 1942 beispielsweise keine Munitionszüge verladen werden, da die Muna Sondershausen zuvor die vorgesehenen Produktionsmengen nicht erreichte. So hält der Tätigkeitsbericht fest, dass die Muna Sondershausen am 08. September 1942 mit 66 Arbeitskräften nur 840 Granatpatronen ausbrachte, wohingegen am 11. September 1942 mehr als die doppelte Menge die Hallen verließen. Auch im Dezember 1944 blieb der Ausstoß wegen eines Maschinenschadens, der Anlieferung verrosteter Geschosse, eines Stromausfalls und Fliegeralarm weit hinter den Forderungen des Rüstungskommandos zurück. Ende 1944 standen zwischen 86 und 103 Arbeitskräfte an den Werkbänken. In stark schwankendem Umfang stellten sie täglich 2.500 bis maximal 9.600 Geschosse her. Am 3. und 10. Dezember 1944 stand die Produktion komplett still.

Die Heeresmunitionsanstalt Sondershausen beschäftigte insgesamt bis zu 2.000 Arbeitskräfte, darunter etwa 220 junge Frauen des Arbeitsdienstes – sogenannte Arbeitsmaiden – und eine Vielzahl ausländischer Zwangsarbeiter. Das aus drei Unterkunftsbaracken bestehende Maidenlager ließ der Reichsarbeitsdienst östlich des Fertigungsgebietes, etwa zwei Kilometer oberhalb der Ortschaft Berka, errichten. In räumlicher Nähe stand eine Krankenbaracke, die zur Versorgung von möglichen Unfallopfern der Heeresmunitionsanstalt und der Seuchenabwehr gedacht war. In den Wohnbaracken des Reichsarbeitsdienstlagers teilten sich jeweils sechs Frauen, die in Doppelstockbetten untergebracht waren, ein Zimmer. Geschlafen wurde auf mit Gerstenstroh oder Sägespänen gefüllten Säcken. Die Arbeitsmaiden waren jeweils im Wechsel von vier Wochen entweder bei Bauern der Region oder bei der Heeresmunitionsanstalt, vorwiegend bei der Herstellung von Munition im F-Gebiet, eingesetzt. Seine ausländischen Arbeitskräfte brachte die Muna in dem aus sechs Baracken bestehenden Lager direkt neben dem Schachtgelände unter. Gekocht wurde in der eigenen Küchenbaracke des Lagers. Die Fremdarbeiter der Heeresmunitonsanstalt Sondershausen waren vorwiegend russischer, im untergeordneten Umfang auch serbischer und französischer Herkunft. Eine Aufstellung der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial vom Mai 1999 listet 118 ehemalige russische Zwangsarbeiter auf, die von 1942 bis 1945 im Alter von 18 bis 25 Jahren bei der Heeresmunitionsanstalt in Sondershausen rekrutiert waren. Die russischen Zwangsarbeiter, die Schlosseranzüge mit Ost-Aufnähern trugen, mussten überwiegend Schwerstarbeit verrichten. Sie waren vorwiegend mit dem Transport von schweren Munitionskisten und der Einlagerung von Granaten in den Kammern befasst.

Am 08. Mai 1943 ereignete sich auf der Strecke vom Schachtgelände zum Fertigungsgebiet ein Eisenbahnunfall, bei dem 100 Munitionsarbeiterinnen teilweise schwer verletzt wurden; zwei von ihnen erlitten einen Schädelbruch. Zehn der verletzten Frauen mussten stationär in die umliegenden Krankenhäuser in Sondershausen und in Frankenhausen aufgenommen werden. Anfang September 1943 widerrief die Burbach-Kaliwerke AG die am 27. Oktober 1937 gegebene Bereitschaftserklärung, den Schacht III für Munitionszwecke zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig verlangte der Kaliproduzent die Rückgabe der Anlage für eigene Zwecke, um die Förderung von Kalisalzen wieder aufnehmen zu können. Wie zu erwarten war, versagte die Wehrkreisverwaltung ihr Einverständnis, worauf die Burbach-Kaliwerke AG das Pachtverhältnis mit Schreiben vom 8. April 1943 vorsorglich zum Ende des Krieges aufkündigte.

Mit Schreiben vom 18. Januar 1944 lehnte das Bergamt Weimar die Wiederinbetriebnahme des  Müserschachtes zum Zwecke der Kaliproduktion mit der Begründung ab, dass dieser als Wetterschacht für die HMA Sondershausen diene. Daher komme die Anlage “für die Einrichtung eines selbständigen, wirtschaftlich arbeitenden Kaliwerks nicht in Frage“. Denn entgegen bergrechtlicher Vorschriften erfolgte die Bewetterung der Schächte Glückauf III und IV seit 1937 durch natürlichen Wetterzug. Bereits 1940 wies das Bergamt Weimar auf diesen Umstand hin und forderte die Aufstellung eines Hauptventilators auf Schacht III. Anfang Dezember 1944 befuhren Vertreter des Bergamtes Weimar die Schächte und stellten gravierende Sicherheitsmängel fest. In einem Schreiben an die Wehrkreisverwaltung forderte die Bergbehörde durch Aufstellen eines Ventilators und Einrichtung eine Notförderung auf Schacht III Abhilfe zu schaffen. Insbesondere nach der Verlagerung eines Großteils der Produktion von Munition nach unter Tage sei eine extreme Gefährdung des Personals gegeben. Im Falle einer Explosion und einem Ausfall des Schachtes IV bestünde keine Möglichkeit zur Durchführung von Hilfsmaßnahmen. 

Wenige Wochen vor Kriegsende ordnete das Oberkommando der Wehrmacht die Verlagerung von Kampfstoffen und Kampfstoffmunition aus feindbedrohten Gebieten nach Sondershausen an. Ab dem 20. März 1945 sollte die Muna Sondershausen etwa 1.500 t Kampfstoffmunition aufnehmen. Damit im Zusammenhang stand offenbar die Errichtung eines Sicherheitsdammes unter Tage. Wenige Wochen vor Kriegsende setzte die Wehrmacht ihre Planungen tatsächlich noch in die Realität um und lagerte u. a. Gelb-, Blau- und Grünkreuzgranaten, die per Bahn angeliefert wurden, auf dem Gelände der Heeresmunitionsanstalt Sondershausen zwischen, wenn auch nicht für lange Dauer. So sollen alle zwei Wochen zwischen 30 und 40 Waggons mit Kampfstoffmunition das Lager wieder verlassen haben. Nur ein geringer Teil der Munition habe den Weg nach unter Tage zur dauerhaften Einlagerung gefunden. Dies findet auch Bestätigung in einem englischen Militärbericht, in der die Heeresmunitionsanstalt Sondershausen (Berka/Wipper) als Depot für Kampfstoffmunition („chemical warfare depot“) ausgewiesen wird.

Mitte Mai 1945 nahmen amerikanische Truppen des 980th Field Artillery Battalion C die Heeresmunitionsanstalt in dem Sondershäuser Vorort Berka in Augenschein. Der Militärbericht vom 23. Mai 1945 hält fest, dass sich dort ein Lager für Kampfstoffmunition („10,5 and 15 cm green and yellow ring shell“) befunden habe. Die Kapazität wird mit 1.000 t angegeben. Kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen soll eine Verlagerung der Kampfstoffmunition an einen unbekannten Ort stattgefunden haben. Offenbar verblieben Restbestände im Schacht, die unter Überwachung des Volkspolizeikreisamtes Eisenach noch Jahre nach Kriegsende in abgemauerten Abbauen des Westfeldes lagerten.

Am 16. November 1945 gab Oberstleutnant Maschkileisson von der Sowjetischen Militäradministration Weimar den Befehl, die in der Schachtanlage Glückauf IV befindlichen drei- bis viertausend Tonnen Pulver und Munition zu bergen. Die Planungen sahen eine Räumung der unterirdischen Lagerräume bis zum 20. Dezember 1945 vor. Dieser Termin ließ sich nicht halten. Bei der Auslagerung der Pulverbestände kam es am 30. Dezember 1945 zu einem schweren Unfall. Beim Entleeren von Aluminiumbehältern fing ein in der Nähe des Füllortes abgestellter und mit Pulver gefüllter Förderwagen Feuer. Dies wurde nicht schnell genug bemerkt. Es entwickelte sich starker Rauch. Nur mit Mühe gelang es den Beschäftigten, den Füllort zu erreichen. Sie wurden unverzüglich ins Krankenhaus gebracht. Für sie kam jedoch jede Hilfe zu spät. Zehn Personen starben bei diesem Vorfall an Rauchvergiftung. Die aus dem Schacht geborgene Munition sollte nach Absprache mit der SMAD Weimar als Auftraggeber durch die Sprengkommandos selbst abtransportiert werden. Dabei kamen täglich 40 Fahrzeuge und 60 Arbeiter zum Einsatz. Da die Arbeiten zu zeitaufwendig waren, übertrug das Sprengkommando im Januar 1946 dem Landrat den Abtransport der Munition. Der konnte die erforderlichen Mittel allerdings nicht aufbringen und forderte vom Land Thüringen den Ersatz der Kosten. Für den Transport der restlichen Munition mit Gespannen, die etwa eine Tonne fassten, wurde ein Preis von 75.000,00 RM veranschlagt. Hinzu kamen die Kosten für das Be- und Entladen der Wagen, die der Landrat mit weiteren 30.000,00 RM bezifferte. Diese Munitions- und Pulverbestände wurden auf diversen Spreng- und Brandplätzen im Wolfen-, Roß- und Habichtstal vernichtet.

Exkurs: Die Wifo-Hoko-Anlage Sondershausen

Anders als von ehemaligen Mitarbeitern der Muna nach Kriegsende zu Protokoll gegeben, stellte die Heeresmunitionsanstalt Sondershausen selbst keinen Sprengstoff oder Komponenten dafür her. Wegen der räumlichen Nähe ist es denkbar, dass es zu einer Verwechselung mit einer anderen Fabrik in der Nähe von Schacht I des Kaliwerkes Glückauf-Sondershausen kam. Dort betrieb die Wintershall AG eine Mischdüngerfabrik, deren Lagerschuppen am 8. Juli 1932 in Brand geriet. Im November 1935 rückte der Betrieb in den Fokus der staatlichen Rüstungsplanung. Es kam die Idee auf, in Zusammenarbeit mit der vorhandenen Anlage ein Werk zur Herstellung von hochkonzentrierter Salpetersäure (Hoko) zu schaffen. 1936 erhielt die Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft (Wifo) den Auftrag, die mit Staatsmitteln zu errichtende und später von der Wintershall AG im Auftrag betriebene Fabrik zu planen. 1937 erwarb die Wifo das für die Erweiterung des Werkes erforderliche Grundstück und reichte noch im gleichen Jahr die erforderlichen Bauanträge ein. Ende September 1939 erteilte das Thüringische Wirtschaftsministerium die endgültige „Genehmigung zur Inbetriebnahme der dem Reich gehörenden H.K.-Anlage“.

Anfang November 1939 nahm die H.K.-Anlage 504 in Sondershausen den Probebetrieb auf. Allerdings blieb der Ausstoß an hochkonzentrierter Salpetersäure bis April 1940 wegen unzureichender Dimensionierung der Verdampfer hinter den Erwartungen der Wehrmacht zurück. Außerdem wirkte sich negativ aus, dass die Wifo Teile ihrer Salpetersäureanlage auf dem Gelände der Mischdüngerfabrik errichtete. Dieses Mitbenutzungsrecht und die daraus resultierenden Abrechnungsfragen führten wiederholt zu Spannungen und Auseinandersetzungen. Die in Sondershausen hergestellte hochkonzentrierte Salpetersäure ging u. a. an die Sprengstoffwerke in Reinsdorf, Elsnig (beide Wasag), Hessisch-Lichtenau, Dömitz und Ueckermünde (alle drei Verwertchemie). Ende April 1940 beauftragte der Wehrwirtschaftsstab die Wifo mit der Erweiterung der Salpetersäurefabrik um eine zusätzliche Mischsäure-Anlage. Ungeachtet dessen stand Ende 1940 zur Diskussion, die Anlage der Wifo nach dem Probebetrieb für das ganze Jahr 1941 still zu legen, doch hatte diese Entscheidung nur wenige Wochen Bestand. Bereits Mitte Januar 1941 stellte Direktor Prankel von der Wifo die Forderung auf, dass der Betrieb bis spätestens bis April 1941 wieder aufgenommen werden müsse. Später erweiterte die Wifo ihre Anlage um eine Ammoniakspeicheranlage mit einem Fassungsvermögen von 560 t (14 Kesseln mit je 40 t Aufnahmekapazität). Im April 1944 beschäftigte die Wifo Sondershausen 40 deutsche Arbeitskräfte, 25 Ostarbeiter, fünf Franzosen, zwei Polen und einen Tschechen.

Aber nicht nur die Wifo, sondern auch die Mischdüngerfabrik der Wintershall AG war in die Rüstungsproduktion eingebunden und belieferte die Munitionsanstalten des Heeres und andere Rüstungsbetriebe mit Primär-Stickstoff als Vorprodukt für Sprengstoffe, Vernebelungsmasse und Kalisalpeter. Am 22. März 1943 beantragte die Zweigneiderlassung Sondershausen beim zuständigen Bergamt Weimar für die Unterbringung ihrer russischen Arbeitskräfte die Aufstellung von Ess- und Aufenthaltsräumen auf der Schachtanlage I und der Mischdüngerfabrik. Beide Betriebe setzten ihre Produktion bis Kriegsende fort. Danach besetzte eine russische Spezialeinheit die Werke, die sie demontierte und nach Russland abtransportierte. Am 5. August 1948 teilte der Treuhänder für die Wifo-Außenstelle Niedersachswerfen dem Finanzamt Sondershausen mit, dass er bei einer Besichtigung der Anlage festgestellt habe, „dass die vorhandenen Gebäude vom Russen restlos demontiert und vollständig ausgebaut“ worden seien und die vorhandenen Hallen nur noch zum Abbau der Brandsteine zu verwerten seien. Aus Mangel an Vermögenswerten habe sich daher die Erstellung einer Bilanz erübrigt.