Polte Duderstadt – ein Rüstungsbetrieb verändert die Region

Im Herbst 1938 trat der Magdeburger Rüstungskonzern Polte an den Duderstädter Bürgermeister Dornieden mit der Idee heran, in der Eichsfeldstadt auf Staatskosten ein Zweigwerk zur Herstellung Munition für die Luftwaffe anzusiedeln. Im Spätsommer 1939 begannen die Bauarbeiten mit der Errichtung einer Zufahrtsstraße zum damals noch nicht erschlossenen Euzenberggelände.

Um den stetig steigenden Bedarf an Bauarbeitern zu decken, griff die Bauleitung ab März 1940 auf ausländische Arbeitskräfte zurück, die sich zunächst noch freiwillig zum Arbeitseinsatz im Deutschen Reich gemeldet hatten. Im Dezember 1940 war ihre Zahl auf 500 angestiegen, zumeist Italiener, Franzosen, Polen und einige Spanier.

Blick auf das ehemalige Polte-Werk im Sommer 1991
Lager polte duderstadt
Barackenlager vor den Toren des Polte-Werkes Duderstadt

Zu ihrer Unterbringung waren direkt vor dem im Aufbau befindlichen Werk acht Holzbaracken errichtet worden, die der Unterbringung der „fremdvölkischen Arbeitskräfte“ dienten. Im Herbst 1941 war die Fabrik nahezu fertiggestellt, zumindest soweit, dass die Produktion von 2-cm-Munition anlief.

Durch die Einberufung deutscher männlicher Arbeitskräfte zur Wehrmacht verschärfte sich die Arbeitskräftesituation zusehends, so dass trotz ideologischer Bedenken die Notwendigkeit bestand, deutsche Frauen zum Arbeitseinsatz zu rekrutieren. Aber auch dadurch ließ sich der Bedarf nicht einmal annähernd decken, so dass weitere Zwangsarbeiter die Belegschaft ergänzten.

Zwischen November 1941 und Mai 1942 „verpflichtete“ Polte etwa 200 französische, serbische und kroatische Frauen. Ihre einseitige Ernährung und die schwere körperliche Arbeit führten dazu, dass viele von ihnen nach nur zwei oder drei Monaten Aufenthalt in ihre Heimat zurückkehren mussten. Im August 1942 kamen 200 zwangsrekrutierte „Ostarbeiterinnen“ hinzu, die zunächst Unterkunft in einer leerstehenden Baracke des Wohnlagers „Am Euzenberg“ fanden, die mit Stacheldraht umzäunt war. Die Frauen durften das Lager nur mit Genehmigung verlassen und wurden in geschlossenen Kolonnen unter Bewachung zur Arbeit geführt. Trotz erheblichen Widerstandes der einheimischen Bevölkerung und einer angrenzenden Feilenfabrik setzte sich Polte im Juli 1942 mit der Forderung durch, auf dem Gelände des Fußballspielplatz „Am Westerborn“ ein Fremdarbeiter- und Kriegsgefangenenlager zu bauen. Nach dessen Fertigstellung löste der Rüstungsproduzent das vor den Fabriktoren befindliche Wohnlager „Am Euzenberg“ auf und verlegte die Insassen in das neue, mit Stacheldraht umzäunte und streng bewachte Lager. Mit dem Umzug verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter drastisch, eine Folge der Überbelegung, der unzureichenden sanitären Einrichtungen und der Reduzierung der Lebensmittelrationen. Das Lager „Am Westerborn“ diente der Unterbringung von etwa 800 Zwangsarbeitern/rinnen und Kriegsgefangenen unterschiedlichster Nationalität.

Anfang des Jahres 1944 zeigte sich, dass der bei Polte permanent bestehende Arbeitskräftemangel nicht durch die Zuführung von weiteren ausländischen Arbeitskräfte gedeckt werden kann. Sämtliche Ressourcen waren vollständig ausgeschöpft, so dass sich die Magdeburger Konzernleitung im Sommer 1944 dazu entschloss, auch in ihrem Duderstädter Werk Häftlinge zu beschäftigen. Bereits in der Vergangenheit hatte die Firma mit Erfolg auf Zwangsarbeiter aus Konzentrationslagern zurückgegriffen. Seit Juni 1943 führte die auf dem Gelände des KZ Buchenwald ansässige Deutsche Ausrüstungswerke GmbH (DAW) nachweislich Zulieferaufträge für Polte aus und arbeitete von der Front zurückgeführte Patronenhülsen wieder auf. Allein im Monat August 1943 entfielen auf diese Tätigkeit über 31.000 Arbeitsstunden, die die DAW dem Rüstungsproduzenten in Rechnung stellte. Seit Anfang Juni 1944 beschäftigte Polte in seinem Magdeburger Stammwerk 450 KZ-Häftlinge. In Buchenwalder Bestandslisten erscheint das Magdeburger Hauptwerk erstmals im August 1944 unter Nennung von 1.851 weiblichen KZ-Häftlingen, deren Zahl in der Folge kontinuierlich anstieg. Anfang Dezember 1944 trafen unter anderem weitere 300 Frauen aus Bergen-Belsen in Magdeburg ein. Am 5. März 1945 zählte das Außenkommando 2.990 Frauen. Außerdem wird Polte ab November 1944 ein Männerlager mit 550 Personen zugeordnet.

Neben Duderstadt und Magdeburg unterhielt der Konzern zumindest drei weitere Außenkommandos in Arnstadt/Thüringen, Genthin (Silva Metallwerke GmbH) und Grüneberg nördlich von Berlin (Silva Metallwerke GmbH); die beiden letztgenannten unterstanden nicht Buchenwald, sondern dem Konzentrationslager Ravensbrück. In Genthin beschäftigte der Rüstungsbetrieb bis zu 418 weibliche Häftlinge. Leutnant Franz Alexander von Pritzelwitz, stellvertretender Betriebsleiter und zweiter Mann hinter dem Firmenmitinhaber Hans Nathusius, war für die Planung und Koordinierung des Häftlingseinsatzes bei Polte zuständig. Sämtliche Verhandlungen mit dem SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt wurden von ihm eigenverantwortlich geführt. In einem Tätigkeitsbericht vom November 1944 führt von Pritzelwitz aus: „Neben meiner Tätigkeit als Assistent des Betriebsführers habe ich durch die Schaffung von Unterbringungsmöglichkeiten für rund 5.600 Häftlinge die Grundlage für weitere Leistungssteigerungen im Infanterie- und Flakprogramm gegeben. Planung, Bauaufsicht und Führung des gesamten Vorhabens unterliegen meiner Kontrolle“.

Am 10. November 1944 fand bei Polte Magdeburg ein Gespräch mit hochrangigen Vertretern der Rüstungsinspektion, des Rüstungskommandos sowie dem Wehrkreisbeauftragten statt, in dem Nathusius weiter ausführte, dass lediglich von Pritzelwitz dazu in der Lage sei, einen erfolgreichen Häftlingseinsatz zu gewährleisten. „Seine Tätigkeit erstreckt sich bisher in erster Linie auf den Einsatz der KL-Häftlinge im Stammwerk Magdeburg und wird sich in Zukunft auf die Außenwerke und Verlagerungsstellen erweitern“. Zudem könne nur von Pritzelwitz sicherstellen, dass die Anweisungen von Nathusius „bezüglich des KL-Einsatzes auf schnellste Weise, oftmals unter Anwendung brutalster Mittels schnellstens und unbürokratisch“ umgesetzt werden. Nach einer von Karl Sommer am 4. Oktober 1946 während der Nürnberger Prozesse gemachten Aussage sollen die erforderlichen Genehmigungsanträge für die Zuweisung von KZ-Häftlingen persönlich von Nathusius beim SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt (SS-WVHA) gestellt worden sein.

Das Duderstädter Außenkommando wird erstmalig im Oktober 1944 in den Akten der Stadtverwaltung genannt. Am 24. Oktober reichte Polte Duderstadt den Bauantrag für „die Errichtung eines Zaunes um das KZ-Außenlager“ beim Bauamt ein. Dies zeigt, dass die örtliche Werksleitung trotz der zentralen Planung durch das Magdeburger Stammwerk von Anfang an involviert war. Weitergehende Unterlagen aus der Gründungszeit des Außenkommandos sind nicht bekannt. Die ab November 1944 bei Polte Duderstadt beschäftigten ungarischen Jüdinnen ließ die SS zwischen dem 6. Mai und 1. Juli 1944 in das Frauenlager Auschwitz-Birkenau deportieren.

In einem Erinnerungsberichten einer bei Polte Duderstadt zwangsverpflichteten Jüdin heißt es: „An Pfingsten haben sie uns waggoniert und in einen kleinen Waggon 78 Personen hineingepfercht. (…) Wir sind nach zweitägiger Reise in Auschwitz angekommen. Nach der Trennung nach Geschlechtern kamen wir ins Bad, wo sie uns alle Sachen wegnahmen, uns kahlgeschoren und uns ein einziges schlechtes Kleidungsstück gaben. Mit Nadel und Tinte haben sie in unsere Hände die Nummern hineingestochen. Sie brachten mich im Lager C unter. Bevor sie uns auf Blocks verteilt hatten, standen wir von morgens früh bis Mitternacht in strömenden Regen. Wir schliefen zu 14 auf einer Holzpritsche und bekamen ungenießbare Kost. Gras und Kohlestückchen schwammen in der Suppe herum. Vielleicht waren auch kleine Kieselsteine drin, weil es zwischen den Zähnen knirschte, wenn wir aßen. Wir bekamen täglich 250 Gramm Brot, das schlecht und bitter war. (…) Täglich zwei mal gab’s Appell. Wir standen in der Früh von 3 bis 8 und am Nachmittag von 3 bis 6, alle zwei Wochen wurden wir desinfiziert. Bei dieser Gelegenheit mussten wir nackt die Lagerstraße entlanggehen. Nach der Desinfizierung waren wir einen Tag lang ohne Kleider und Decken. Dann wurden uns die Kleider zugeschmissen und die einen bekamen welche, die anderen keine. Es kam auch vor, dass einer zwei Kleider bekam, aber das zweite hätte er nicht hergegeben, weil wir hier Tiere waren und keine Menschen“.

Nach ein bis zwei Monaten Aufenthalt im Vernichtungslager Auschwitz transportierte die SS die Häftlinge im September 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen im Kreis Celle und brachte sie dort in einem Zeltlager unter, das als Verteilungsstelle von weiblichen Häftlingen des KZ Auschwitz diente. Lucia S. aus Budapest über den Transport von Auschwitz-Birkenau nach Bergen-Belsen: „Am 17. September haben sie einen Transport zusammengestellt, ungefähr 3.000 Frauen und brachten uns nach Bergen-Belsen. Die siebentägige Reise haben wir mit sehr wenig Verpflegung gemacht, so dass wir am Ende schon hungerten. Wir reisten sehr zusammengepfercht, zu 90 im Waggon und sind gründlich entkräftet angekommen. In Bergen-Belsen waren wir in Zelten untergebracht, zu 700 in einem Block; wir lagen auf Stroh, auf dem Boden, ohne Decken. In diesem Lager gab es sehr wenig Verpflegung“. Nach einer ärztlichen Tauglichkeitsuntersuchung stellte die SS Ende Oktober 1944 einen Transport mit 750 Frauen zusammen, der am 4. November 1944 in Duderstadt eintraf. Mit Schreiben vom 6. November 1944 erstattete der Lagerkommandant von Bergen-Belsen der Kommandantur des Konzentrationslagers Buchenwald Bericht und überreichte gleichzeitig die Transportliste der zwei Tage zuvor nach Duderstadt überstellten Häftlinge. Ein Zeitzeuge berichtet über die Ankunft der Jüdinnen in Duderstadt: „750 geschundene und abgemagerte jüdische Frauen wurden aus geschlossenen Güterwagen regelrecht entladen“. Viele von ihnen trugen nur dünne Sommerbekleidung und Schuhwerk, das schlimme Wunden an den Füßen verursachte. „Unsere Bekleidung bestand aus Fetzen, anstatt Schuhe hatten wir Holzpantoffeln ohne Strümpfe“. SS-Soldaten führten die Jüdinnen vom Bahnhof in das Lager.

Das aus zwei Unterkunftsbaracken und einem Waschraum bestehende Außenkommando befand sich in unmittelbarer Nähe des Rüstungsbetriebes auf dem Gelände der ehemaligen Möbelfabrik Steinhoff, der heutigen Dachdeckerfirma Koch. Die Holzbaracken waren in einfachster Bauweise errichtet. Eine Isolierung gegen Kälte fehlte völlig. Nach den Erfahrungen in Auschwitz empfanden die bei Polte beschäftigen Häftlinge die Bedingungen in Duderstadt erträglicher, auch wenn sich an der lagermäßigen Unterbringung nichts geändert hatte und trotz Abwesenheit von Gaskammern die Gefahr bestand, im Krankheitsfalle in das Stammlager nach Buchenwald zurückgeführt zu werden, was einem Todesurteil gleichkam. Eine Insassin des Außenkommandos erinnert sich: „In Duderstadt angekommen, sind wir (…) ordentlich untergebracht worden, wir lagen auf Pritschen, auf Strohsäcken mit Decken. Unsere Verpflegung war schlecht“. Dies wird von Babetta F. bestätigt: „Das Lager war sauber, wir schliefen in getrennten Betten, und man konnte sich auch waschen“.

Das Außenkommando war für 750 Frauen erheblich zu klein bemessen. Die Überbelegung führte im Laufe der Zeit zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen. Von einigen Frauen mit KZ-Status ist bekannt, dass sie in einem massiven Steingebäude untergebracht waren. „Ich habe nicht in den Holzbaracken gelebt. Ich wohnte in einem Gebäude gegenüber. (…) Wir waren etwa 20 bis 30 Personen in einem Raum. In dem Steinhaus gab es noch mehrere Räume“. Das Lager war vollständig abgeschirmt. Die innere Umzäunung bestand aus einem 2,50 m hohen Stacheldrahtzaun, der mit elektrisch geladenen Drähten versehen war. Um das Lager vor Blicken zu schützen, befand sich zur Straßenseite hin eine lückenlose Verbretterung. Im Lager selbst hatte Polte den SS-Vorschriften entsprechend in einem Abstand von einem Meter einen weiteren 1,5 m hohen, aus Holzpfosten und Stacheldraht bestehenden ‚Schutzzaun‘ errichtet. Das Außenkommando hatte dem Stammlager Buchenwald täglich Mitteilung über die Anzahl der im Werk beschäftigten KZ-Häftlinge zu machen. Diese Angaben dienten als Berechnungsgrundlage für die an die SS zu zahlenden ‚Nutzungsentgelte‘. Für den Monat Dezember 1944 war von Polte für die in Duderstadt zur Arbeit zwangsrekrutierten Frauen ein Betrag von 90.108 RM und für das Magdeburger Außenkommando von 278.972 RM zu zahlen.

Die Lager- und Wachmannschaft des Außenkommandos bestand aus 13 bis 14 Wachposten der SS und 18 Aufseherinnen aus Duderstadt und der näheren Umgebung des Eichsfeldes, die bereits zuvor bei Polte Duderstadt beschäftigt waren. Im Oktober und November 1944 absolvierten die Frauen einen zweiwöchigen Kurzlehrgang im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, wo sie auf ihre künftige Tätigkeit im Außenkommando Duderstadt vorbereitet wurden. Im Jahr 1963 gaben die Aufseherinnen übereinstimmend an, dass die Werksleitung sie nicht über ihre späteren Aufgaben informiert habe. In einem Schreiben, das sie teilweise erst einen Tag vor Beginn des Lehrgangs erhalten haben wollen, sei ihnen folgendes mitgeteilt worden: „Für den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte ist uns eine Ausbildung einer gewissen Anzahl deutscher Frauen unseres Betriebes zur Auflage gemacht worden. Sie sind für diese Ausbildung vorgesehen und unterziehen sich zu diesem Zweck in einem auswärtigen Lager einer kurzen Schulung. Unter der Transportführerin, Frau (…),  werden 18 Gefolgschaftsmitglieder sich zum Lager Ravensbrück zur Teilnahme an einer etwa 5-tägigen Ausbildung begeben. Sie haben an diesem Kursus teilzunehmen. Die Teilnahme ist zwingend vorgeschrieben“. Die SS-Bewacherinnen hatten die weiblichen Häftlinge an ihren Arbeitsplatz in der Rüstungsfabrik zu führen und zu beaufsichtigen. Das Betreten des eigentlichen Lagers soll ihnen nach eigenen Angaben nicht gestattet gewesen sein, was anzuzweifeln ist. „Unsere Aufgabe bestand nun darin, dass wir am Lagerausgang von den SS-Bewachern die Mädchen abgezählt übergeben bekamen. Es waren etwa immer so ca. 30 Mädchen, mit denen wir dann zu Fuß zum Werk gingen, sie an ihren Arbeitsplatz brachten, jeweils ein Trupp in einer Abteilung und dass wir dort die Mädchen während der Arbeit beaufsichtigten (…). Wir führten sie auch zu den Mahlzeiten in die Küche oder den Speiseraum und wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Nach Arbeitsschluss brachten wir die Mädchen wieder an das Lager und am Eingang desselben nahmen die SS-Bewacher (…) wieder ab, womit dann unsere Betreuung dieser Mädchen aufhörte“. Die weiblichen KZ-Bewacherinnen waren gemeinsam mit den Wachposten der SS im Gebäude der stillgelegten Möbelfabrik Steinhoff, das unmittelbar an das Lager angrenzte, untergebracht. Die Männerunterkünfte befanden sich im Erdgeschoss; die der Frauen der ersten Etage. Nach ihrer Befreiung sagten die Häftlinge des Duderstädter Außenkommandos übereinstimmend aus, dass sich die meist älteren SS-Wachposten ihnen gegenüber trotz des strengen Umganges korrekt verhalten hätten. Ganz im Gegensatz zu den weiblichen Aufseherinnen, die die KZ-Insassen beschimpft, angeschrieen und körperlich gequält haben. „Die Aufseherinnen waren noch ärger als die SS-Soldaten zu uns. Wenn ich nur welche so vor meine Augen bekäme – die Kleine mit den rotblonden Haaren, ich weiß noch nicht einmal mehr ihren Namen“. Babetta F. bestätigt dies: „Die Aufseherinnen haben uns viel geschlagen. (…) Wenn sie jemanden dabei erwischten, dass er vielleicht eine Futterrübe gestohlen hatte, haben sie ihm erneut die Haare abgeschnitten“. In einer anderen Aussage heißt es: „Die Aufseherinnen haben uns viel geschlagen, aber die SS-Soldaten haben uns gut behandelt“.

Toilettengänge richteten sich nicht nach dem Bedürfnis, sondern waren nur nach vorher festgelegten Zeiten möglich. Ein Abweichen wurde nicht geduldet. So ist der Fall eines Mädchens belegt, das außerhalb der Zeiten dringend auf Toilette musste. Als sie versuchte, die Werkhalle zu verlassen, schrie die Aufseherin sie an und drohte ihr mit dem Tod, wenn sie nicht sofort an ihren Arbeitsplatz zurückkehren würde. Als die junge Frau zu weinen anfing, schlug die Aufseherin auf sie ein. Das Mädchen erlitt einen Nervenzusammenbruch und musste ins Lager gebracht werden. Die Arbeit bei Polte wird von den Zeugen übereinstimmend als schwer und kräftezehrend bezeichnet. Ohne Rücksicht auf ihren körperlichen Zustand wurden die Jüdinnen zur Schwerstarbeit herangezogen. „Ich arbeitete in einer Waffenfabrik, zwölf Stunden, abwechselnd bald tags, bald nachts. Die Arbeit war sehr schwer und erschöpfend“. Ein andere Ungarin erinnert sich: „Ich kam zur schwersten Arbeit. Wir mussten mit Eisen gefüllte zentnerschwere Kisten heben“. Auch Jolan R. bestätigt: „Es herrschte Strenge, frühes Aufstehen, wir schleppten Kisten, und sie waren so streng, dass sie uns für den kleinsten Fehler mit dem Tod drohten“.

Die Verpflegung bestand aus einer täglichen Ration Kaffee, einer wässerigen Suppe und Brot, dessen Menge sich von anfänglich 400 Gramm auf 200 Gramm reduzierte. Versuche, sich weitere Nahrungsmittel zu besorgen, wurden restriktiv geahndet. „Als der Aufseherin einmal gemeldet wurde, dass ein Mädchen von einem Zivil ein Stück Brot bekommen habe – was gar nicht der Wahrheit entsprach – schlug sie die Arme so lange, bis sie in Ohnmacht fiel“. Die medizinische Betreuung der Frauen oblag dem Sturmbannführer Dr. August O., einem gebürtigen Duderstädter. Ihm standen eine Häftlingsärztin (wahrscheinlich Ryfka Baposhnikow) und eine Häftlingspflegerin zur Seite. Im Dezember 1944 konnten durchschnittlich etwa 18 Frauen wegen Krankheit oder Schonung nicht bei Polte arbeiten; im März waren es 27 Frauen. Bei den vorgenannten Zahlen ist zu berücksichtigen, dass die Frauen aus Angst vor einem Rücktransport in das Stammlager versuchten, Krankheiten oder Verletzungen, solange dies nur möglich war, zu verschweigen. Fieber bis 38 Grad Celsius oder andere Leiden waren kein Grund, nicht zur Arbeit geschickt zu werden. „Kranke wurden sehr schwer anerkannt, so musste man mindestens bis 38 Grad Fieber zur Arbeit gehen“. Medikamente standen für die Häftlinge nicht zur Verfügung. Von vier Jüdinnen ist bekannt, dass sie in den ersten beiden Monaten ihrer Gefangenschaft im Duderstädter Außenkommando starben.

Die Beisetzung der Frauen fand auf dem jüdischen Friedhof am Gänseweg statt. Der Aufseher Walter S. sagte nach Kriegsende aus: „Es war Frost im Boden und Oberscharführer Reißig, zwei Wachleute und ich haben die Gräber ausgehoben und die Särge (…) in die Gräber gestellt. (…) Die Gräber wurden gleich eingeebnet, weil die Anordnung von Buchenwald es vorschrieb“. Am 25. Januar 1945 wurde eine der Frauen mit ihrem in Duderstadt zur Welt gebrachten Kind selektiert und nach Bergen-Belsen überstellt. Käte F. erinnert sich: „Die Frau war mit mir in demselben Zimmer. (…) Sie war ein junges Mädchen. Eines Nachts hat sie das Kind geboren. Wir haben eine polnische Ärztin gehabt. Mit ihrer Hilfe wurde das Kind geboren. Nach einigen Tagen hat man sie transportiert. Wohin, das wussten wir nicht. Aber das Kind hat gelebt“. Zur Auffüllung der bisherigen Stärke wurden dem Duderstädter Rüstungsbetrieb am 28. Januar 1945 fünf neue Häftlinge aus Bergen-Belsen zugewiesen.

Anfang März 1945 kam die Fertigung bei Polte zum fast vollständigen Erliegen, so dass kein Bedürfnis mehr bestand, auf die Arbeitskraft der vormals unabkömmlichen Häftlinge zurückzugreifen. So benötigte der Rüstungsbetrieb am 4. März 1945 lediglich noch 35 der 750 Frauen. Am 11. waren es sogar nur noch 16 Häftlinge, die vermutlich in der Küche beschäftigt waren. Mitte März 1945 nahm die SS eine Endabrechnung der im Monat erbrachten Arbeitsstunden vor. Dies deutet darauf hin, dass das werkseigene Außenkommando um den 18. März 1945 aufgelöst werden sollte. Es ist zu vermuten, dass keine hinreichenden Transportkapazitäten zur Verfügung standen. Als sich die amerikanischen Truppen dem Harz näherten, transportierte die SS die KZ-Häftlinge am 5. April 1945 in einer ‚Blitzaktion‘ mit Bussen und Lkws nach Seesen. Vor dem Weitertransport mit der Bahn in Richtung Dessau verbrachten die Frauen die Nacht in einer Scheune. Die Aufseherin Luise N., die den Transport bis Seesen begleitete, berichtete über die Evakuierung des Lagers: „Wenige Tage vor der Besetzung Duderstadts, es können vielleicht drei Tage gewesen sein, wurden die Mädchen von mittags ab mit Bussen nach Seesen abtransportiert. Den letzten Transport musste ich noch mitmachen. (…) In Seesen wurden wir alle zusammen in eine Scheune in der Nähe des Güterbahnhofs untergebracht. Wir Frauen mussten mit in der Scheune schlafen. Am nächsten Morgen mussten alle Mädchen antreten und wurden von dem männlichen Bewachungspersonal und von uns Aufseherinnen zum Güterbahnhof gebracht. Ich habe gesehen und miterlebt, dass sie in Waggons stiegen“.

Von Seesen aus wurden die Häftlinge per Bahn in geschlossenen Waggons, die sie teilweise gar nicht oder nur kurzfristig verlassen durften, drei Wochen lang in Richtung Theresienstadt transportiert. Die Fahrtroute führte über Magdeburg, Dessau, Wolfen, Leipzig und Dresden. In einem Erinnerungsbericht heißt es auszugsweise: „Von hier kamen wir dann weg, als sich die Russen näherten und fuhren dann drei Wochen lang kreuz und quer. Zu Essen gab es nichts, die Verpflegung ein Brot, so dass wir Wurzeln aßen und rohe Kartoffelschalen und Klee, die wir fanden. Es wartete auf uns der sichere Tod. Es ist eine Typhus-Epidemie ausgebrochen“. Am 21. April 1945 erreichten die völlig entkräfteten und ausgehungerten Frauen Lobositz, wo sie von Tieffliegern angegriffen wurden. Eine unbekannte Zahl von ihnen kam hierbei ums Leben. Am 26. April 1945, nach fast dreiwöchiger Irrfahrt, trafen die Häftlinge des aufgelösten Duderstädter Außenkommandos in Theresienstadt ein. Am 9. Mai befreite die Rote Armee das Lager, das bereits am 2. Mai 1945 vom Internationalen Roten Kreuz übernommen worden war. Nach ihrer Befreiung kehrten die Überlebenden ab Mitte Juni 1945 teils in ihre Heimat nach Ungarn zurück oder warteten auf ihre Ausreise in andere Länder. Im Mai 1945 kam es zur Festnahme und Internierung der ehemaligen Lagerleiter Reißig und Jansen im einstigen Konzentrationslager Dachau bei München. Nach Aussage des Aufsehers Walter S., der bis April 1945 dem Bewachungspersonal des Duderstädter Außenkommandos angehörte, sollen sich die beiden Kommandoführer im April 1949 noch in Haft befunden haben.

(c) Frank Baranowski; Wiedergabe des Textes ohne Genehmigung des Autors nicht gestattet

Weiterführende Literatur:
Baranowski, Frank: Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge im Rüstungsbetrieb Polte in Duderstadt, in: Rüstungsindustrie in Südniedersachsen während der NS-Zeit, hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft Südniedersächsischer Heimatfreunde e.V., Mannheim 1993, S. 248-316.
Ders.: Der Duderstädter Rüstungsbetrieb Polte von 1938 bis 1945, Göttingen 1993.
Ders.: Geheime Rüstungsprojekte in Südniedersachsen und Thüringen während der NS-Zeit, Duderstadt 1995.
Drs.:
Hütt, Götz: Das Außenlager Duderstadt des KZ-Buchenwald, Die Hefte der Geschichtswerkstatt Duderstadt, Heft 1/1988.
Pischke, Gudrun: Von Auschwitz nach Duderstadt. Zwangsarbeit bei den Polte-Werken, in: Ebeling/Fricke, Duderstadt 1929-1949. Beiträge zur Geschichte der Stadt Duderstadt, Band II, Duderstadt 1992, S. 281-292.