Sömmerda, Selve-Kronbiegel-Dornheim AG (Selkado)

Um 1816 gründeten der aus Sömmerda stammende Schlossermeister Nikolaus Dreyse – Erfinder des Zündnadelgewehrs – und sein Erfurter Geschäftspartner Friedrich Kronbiegel die Metallwarenfabrik Dreyse & Kronbiegel, die sich auf die Erzeugung von Eisenwaren wie Knöpfe, Nägel, Striegel und Fensterbeschläge spezialisiert hatte. Nach dem Tod Kronbiegels stieg Carl Collenbusch in das finanziell stark angeschlagene Unternehmen ein. Am 18. August 1820 setzte er das Kriegsministerium hiervon in Kenntnis und versuchte, Rüstungsaufträge aus Berlin nach Sömmerda zu holen. Im März 1821 wird Collenbusch Mitinhaber der inzwischen in Dreyse & Collenbusch umbenannten Metallfabrik, die zunehmend Zündhütchen für Patronen herstellte. Mit der Umfirmierung in Zündhütchen- und Munitionsfabrik trugen die Gesellschafter 1824 dieser Entwicklung Rechnung. Ab 1827 stellte die Firma als erste Zündhütchenfabrik Deutschlands das erforderliche Knallquecksilber selber her. Anfang 1834 trat Dreyse in den Staatsdienst und trennte sich von seinem Geschäftspartner. Collenbusch erwarb die vor dem ‚Weißenseer Tor‘ gelegene alte Leimsiederei und setzte dort die Zündhütchen-Produktion unter dem Namen Dreyse & Collenbusch fort. Zur Vermeidung einer direkten Konkurrenzsituation beschränkte sich Dreyse von nun an auf die Fabrikation von Gewehren und Gewehrmunition. Im Frühjahr 1858 gingen Artilleriezünder und Zündhütchen in Massenfertigung; diese Produktion bescherte dem Unternehmens bis zum Ende des 2. Weltkrieges eine sichere Existenz.

1875 standen 155 Arbeiterinnen und 48 Arbeiter an Bändern und stellten vorwiegend Zündhütchen und Patronenhülsen, in geringem Ausmaß aber auch Nieten, her. Während des 1. Weltkrieges schnellte die Belegschaft auf 700 hoch, ein Zeichen der militärischen Bedeutung des Unternehmens. Im Juli 1921 wurde Dreyse & Collenbusch von den Alliierten als einziges Unternehmen im Reich für die Herstellung von Zündhütchen zugelassen. Damit blieb es von den rigiden Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages ausgenommen, seine Produktion unterlag jedoch strengen Mengenbegrenzungen. Aber diese Obergrenzen gingen Dreyse & Collenbusch zu weit.

Gebäude selkado sömmerda
Blick auf Selkado Sömmerda (September 1940), Stadtarchiv Sömmerda

Insgeheim produzierte es weit größere Mengen an Rüstungsgütern als zugestanden. Aus Angst des „unvermuteten Besuchs einer aus außenpolitischen Gründen nicht abzuweisenden Kontroll-Kommission“ hatte die Firmenleitung in einer Art Notfallplan den Zeit- und Materialbedarf „für die Wegschaffung oder Tarnung von nicht zugelassenen Maschinen-Vorrichtungen“ ermittelt und die Buchhaltung angewiesen, eine „Trennung der offenen und geheimen Bestellungen in der Buchführung für den Fall vorzunehmen, dass Einsicht in die Bestellbücher verlangt wird“.

Ihre Monopolstellung behielt die Firma auch, als sie 1924 ins Eigentum der im gleichen Jahr gegründeten Selve-Kronbiegel-Dornheim AG (Selkado) überging. Zum neuen Konzernverbund gehörte auch die Düsseldorfer Braun & Bloem GmbH, die ihre Munitionsherstellung Zug um Zug aus dem französisch besetzten Rheinland nach Thüringen verlagerte. Dem militärisch-industriellen Komplex, der mehr oder weniger insgeheim eine Revision des Versailler Vertrages durch einen Angriffskrieg vorbereitete, ist es zuzurechnen, dass Reichswehrminister Wilhelm Groener Selkado Sömmerda im November 1931 zu einem der zentralen Betriebe ernannte, die nach Wegfall der Rüstungsbeschränkungen im ‚Bedarfsfall‘ eines solchen Krieges 80 Millionen Zündhütchen liefern und den Gesamtbedarf des Reiches an Reibezündern für Stielhandgranaten gewährleisten sollte. 1934 verlegte der Konzern seinen Firmensitz nach Sömmerda. Unter dem Kürzel „eem“ bzw. der Firmenkennziffer „145“ gingen nach Prüfung durch die Heeresabnahmestelle auf dem Werksgelände Zündhütchen, Sprengkapseln und Munition verschiedener Kaliber an die Reichswehr. Im Unterschied zu anderen nordthüringischen Betrieben litt Selkado bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn unter permanentem Arbeitskräftemangel, so dass frühzeitig das Rüstungskommando gefordert war. Schon im vierten Quartal 1941 wurde erörtert, für die Herstellung von Brandbomben ausländische Arbeitskräfte zu rekrutieren. Im Juli 1942 ist der Einsatz von 150, für Dezember von 172 Ostarbeitern belegt. Im Februar 1944 war Selkado Sömmerda mit 1.697 Beschäftigten der zweitgrößte Rüstungsbetrieb am Ort.

Nach Kriegsende ließ die sowjetische Militäradministration die Fabrik vollständig „schleifen“ und die Produktionsgebäude sprengen.