Die Mittelwerk GmbH und Verlegung der Häftlinge ins Barackenlager

Ende September 1943 gründete das Rüstungsministerium die privatrechtlich organisierte, aus Staatsmitteln finanzierte Mittelwerk GmbH und übertrug ihr die Zuständigkeit für den Aufbau des Montagewerkes im Kohnstein wie auch die spätere A4-Serienproduktion. Als Geschäftsführer wirkten zunächst Dr.-Ing. Kurt Kettler, Geschäftsführer der Borsig-Lokomotivwerke GmbH, Berlin, und SS-Sturmbannführer Otto Förschner, Lagerkommandant von Dora. Zum Jahresende folgte Otto Bersch. Anfang Mai 1944 ernannte die Mittelwerk GmbH den zuvor in der Demag-Geschäftsleitung tätigen Georg Rickhey zu ihrem „Generaldirektor“. Im Dezember 1943 nahm die Mittelwerk GmbH in Teilbereichen des Kohnsteins den Produktionsbetrieb auf und setzte zunehmend auf den Einsatz zwangsrekrutierter KZ-Insassen. Im Dezember 1943 beschäftigte das Unternehmen 2.856 Häftlinge, am 1. April 1944 etwa 4.600. Diese Zahl blieb bis Kriegsende nahezu konstant. Gefangene, die wegen ihres Gesundheitszustandes oder ihrer fehlenden fachlichen Qualifikation in der Raketenproduktion nicht einsetzbar waren, schob die SS in die umliegenden Außenkommandos ab, wo sie wie zuvor im Stollenausbau körperliche Schwerstarbeit zu verrichten hatten und ihr zumeist bald erlagen. Mit der Inbetriebnahme der Untertagefabrik und der einsetzenden Waffenmontage fand ab März 1944 eine etappenweise Verlegung der Häftlinge aus den Schlafstollen in die teils aufgestellten Baracken statt, auch wenn am Lager „Dora“ weiter gebaut wurde; die Errichtung war erst im Mai 1944 abgeschlossen. Während für den Ausbau der Stollenanlage keine qualifizierten Arbeitskräfte erforderlich waren, benötigte die Mittelwerk GmbH für die Raketenproduktion vorwiegend Facharbeiter oder zumindest angelernte Kräfte.

Sie konnten nicht ohne weiteres durch neue ersetzt werden wie die KZ-Sklaven auf den zahlreichen angrenzenden Untertagebaustellen, die teilweise nur eine Überlebensdauer von einigen Wochen hatten. Die Abhängigkeit vom „Produktionsfaktor“ Mensch führte zu einem gewissen schonenderen Umgang mit dem Menschenleben und eine etwas geringere Mortalität der in der Raketenfabrikation tätigen Zwangsarbeiter. Doch dem Todeskreislauf waren sie damit nicht vollständig entzogen, denn für sie galten die gleichen Lager- und Haftbedingungen. Albert Speer berichtet in seinen Erinnerungen anlässlich einer Besichtigung des Kohnsteins im Dezember 1943, dass die Mittelwerk GmbH „über die außerordentlich große Sterblichkeit“ der an den Maschinen angelernten Häftlinge Klage geführt und darin eine Gefährdung des ganzen Projektes gesehen habe. „Wir hatten also ein vordringliches Interesse daran, dass die Arbeitskräfte dort blieben und nicht immer wieder ersetzt werden mussten“.