Das KZ Dora als selbständiges Lager

Am 30. September 1944 trug das SS-WVHA den bereits eingetretenen Verhältnissen Rechnung, ordnete die formale Verselbständigung des Lagers Dora als „KL Mittelbau“ an und unterstellte ihm fast alle bisherigen Buchenwalder Außenkommandos in der Region Nordthüringen sowie die Sublager Doras „Mittelbau II und III“. Die Zusammenfassung folgte offenbar einem Territorialprinzip. Allerdings blieben die Außenkommandos Duderstadt (Polte-Werk), Mühlhausen (Junkers und Gerätebau GmbH), Niederorschel (Junkers/Langenwerke AG), Halberstadt (Junkers) und Langensalza (Junkers/Langenwerke AG) an Buchenwald angebunden. Zumindest für das Lager in Langensalza bestanden jedoch Verbindungen zu Dora, denn am 30. Januar und 11. Februar 1945 fanden Transporte mit je 200 Häftlingen nach Dora und nicht in das zuständige Stammlager auf dem Weimarer Ettersberg statt. Eine formelle Übernahme des Langensalzer Junkers-Außenkommandos in die Zuständigkeit Doras ist nicht belegt. Mit der Verselbständigkeitsverfügung des WVHA wurden dem neuen KZ-Komplex Mittelbau-Dora als weitere Außenkommandos zugeordnet: „SS-Baubrigade I, II und V, die 5., 6. und 7. SS-Baubrigade (E), das Arbeitslager Kloster-Werke, Blankenburg, das Arbeitslager der Firma Kurt Heber, Osterode, die Arbeitslager A 5, B4, B 3 mit Nebenlagern a und b, B 11, B 12, B 15, B 17, B 18 und das Arbeitslager Rautal-Werke in Wernigerode“.

Der Erlass deutet darauf hin, dass man in Berlin mit den örtlichen Gegebenheiten wenig vertraut war. So ist von den „Arbeitslagern“ B 3a und b, B 11, B 12, B 15, B 17 und B 18 die Rede, obwohl sich dahinter geplante Bauvorhaben verbargen, nicht um Lager bei den Baustellen. Gleichermaßen wurde das im März 1944 eingerichtete Außenlager bei den Rautal-Werken in Wernigerode sowie das seit Ende September 1944 beim Rüstungsproduzenten Curt Heber in Osterode (HEMAF) bestehende dem KZ Mittelbau zugeordnet, obwohl es einen direkten produktions- oder verwaltungstechnischen Zusammenhang mit Dora nicht gab. Einziger Anknüpfungspunkt zum Mittelbau-Komplex bestand darin, dass beide Firmen in das Luftwaffenprogramm eingebunden waren. Heber stellte Bombenabwurfgeräte her, arbeitete seit Sommer 1944 mit einer Abteilung zudem an der Entwicklung von Raketenabschussgeräten für Jagdflugzeuge. Die Rautal-Werke gossen Zylinderblöcke für Flugmotoren. Die Zuordnung des seit Ende März 1943 existente Wernigeröder Außenkommando korrigierte die SS-Verwaltung am 9. November 1944 dahingehend, dass es mit seinen 789 Häftlingen wieder dem KZ Buchenwald zugeschlagen wurde. Die Anbindung sämtlicher in vielen Teilen Deutschlands, nicht nur im „Mittelraum“, tätiger SS-(Eisenbahn)Baubrigaden an das KZ Mittelbau dürfte damit zusammenhängen, dass sie allesamt Kammlers Amtsgruppe C im SS-WVHA unterstanden. Diese Zuordnung währte ebenfalls nur kurze Zeit; Mitte Januar 1945 wurden die Baubrigaden mit ihren mehr als 4.700 KZ-Häftlingen dem KZ Sachsenhausen zugeordnet. An der funktionalen Einbindung der fünf im Gebiet um Nordhausen eingesetzten Baubrigaden änderte das nichts.

Die Anhebung der Kohnstein-Lager zum selbständigen KZ zeigt, wie sehr sich das Schwergewicht des Häftlingseinsatzes von der Raketenmontage auf die unterirdischen Baustellen des Jäger- und Geilenbergstabes verlagert hatte. Die Bezeichnung „Mittelbau“, erstmals Mitte März 1944 für die Junkers-Verlagerungsvorhaben im Raum Niedersachswerfen geprägt, verdeutlicht den Wandel auch im Namen. Der ursprüngliche Lagerzweck, in großen Mengen KZ-Sklaven für die Produktion der A4-Rakete bereitzustellen, spielte im Frühjahr 1944 nur noch eine untergeordnete Rolle. Sogar Lagerinsassen des KZs Dora selbst wurden seit April 1944 zunehmend auf den Kammler-Baustellen eingesetzt. Bis Herbst 1944 hatte sich durch die ständige Einrichtung neuer Baulager die Zahl der in den Lagern des Südharzes untergebrachten Zwangsarbeiter stark erhöht.

Im Lager Dora selbst lagen die Belegungszahlen bis November 1944 annähernd konstant bei 12.000 bis 14.000 Häftlingen. Als der Lagerkomplex Mittelbau zum selbständigen KZ erhoben wurde, waren weit mehr als die Hälfte seiner 32.000 Häftlinge in den zahlreichen Außenlagern untergebracht, allein 12.000 in den Baulagern Harzungen und Ellrich. Mittelbau-Dora war damit kein „Rüstungs-KZ“, sondern ein „Bau-KZ“. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bauhäftlinge waren mit denen der Aufbauphase des ‚Raketenbergs‘ vergleichbar. Ebenso war die Sterberate der Häftlinge wie in den Anfangsmonaten im Kohnstein extrem. Nach der Beförderung zur selbständigen KZ-Zentrale stieg die Belegungsstärke auf über 40.000 Personen. Mindestens fünfzehn weitere Außenkommandos wurden gebildet, so in Bischofferode im Eichsfeld (Lager- und Reparaturarbeiten für die Mittelwerk GmbH), in Niedergebra (Verladearbeiten), Kelbra (Lagerarbeiten Mittelwerk GmbH), Osterode-Petershütte (Baustelle des Geilenberg-Projektes „Dachs IV“), Stempeda (Junkers-Bauvorhaben B 4), Wickerode, Artern (Montage von Bodenstationen für die A4), Ilfeld und Tettenborn.

Mit der Errichtung von Außenlagern in Ilsenburg, Quedlinburg und Ballenstedt dehnte sich der Lagerkomplex des KZ Mittelbau über das Umland von Nordhausen hinaus auf den Nordharz aus. In Blankenburg waren im Oktober 1944 schon das Lager „Klosterwerke“ kurz nach seiner Einrichtung dem KZ Mittelbau zugeschlagen worden, Anfang Februar 1945 wurde mit dem Lager „Turmalin“ ein weiteres Außenkommando in der Nordharzstadt aufgemacht; 400 vor allem jüdische Häftlinge des aufgelösten Auschwitzer Außenlagers Fürstengrube wurden in einem Waldstück am Rande des Regensteins in ein noch im Aufbau befindliches Barackenlager der Organisation Todt gesperrt. Als Zwangsarbeiter verrichteten sie Schwerstarbeit beim Bau einer Untertageanlage im Regenstein, in der die Magdeburger Schäffer und Budenberg GmbH unter dem Decknamen Oda-Werke Messgeräte für die Luftwaffe und vermutlich für das V-Waffenprogramm herzustellen beabsichtigte. Erwartungsgemäß war das Projekt „Turmalin“ bei Kriegsende weit vom Abschluss entfernt. Aber in einem kleinen Teilbereich sollen kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner noch 120 Arbeitskräfte eine Produktion aufgenommen haben.

Die 580 KZ-Häftlinge des Außenlagers Klosterwerke GmbH, zumeist Belgier, waren wie weitere 280 ausländische und 20 deutsche Zwangsarbeiter im Projekt „Porphyr“ eingesetzt, dem Bau einer Stollenanlage von 17.000 qm Fläche unter dem Michaelstein am Nordwestrand Blankenburgs. Hier sollte nach Abschluss der Bauarbeiten die zum Krupp-Konzern gehörende Kurbelwellenwerk GmbH aus Glinde bei Hamburg angesiedelt werden. Krupp hatte unter dem Namen Bodewerk bereits im Herbst 1943 einen Teil seiner Schleudergießerei aus Essen auf das Gelände der Niederlassung der Bergbau Aktiengesellschaft Lothringen in Blankenburg, später Harzer Werke, ausgelagert. In Nordhausen richtete die SS Anfang Januar 1945 in den leerstehenden Fahrzeughallen der Boelcke-Kaserne am südöstlichen Stadtrand ein weiteres Außenlager ein. Zunächst war es als Sammellager für vorläufig im Lager Dora untergebrachte Häftlingskommandos vorgesehen, die beim Bauvorhaben B 11 und in über 20 Nordhäuser Betrieben Zwangsarbeit leisteten. Als dann ab Ende Januar 1945 zahlreiche Evakuierungstransporte mit völlig erschöpften, entkräfteten und kranken Häftlingen der aufgelösten Konzentrationslagern Groß Rosen und Auschwitz in Nordhausen eintrafen, funktionierte die SS das Lager zum zentralen Kranken- und Sterbelager um. Mehrere tausend sterbender Häftlinge waren sich dort selbst überlassen, siechten auf dem Betonboden der Fahrzeughallen dahin. In dem Lager wurden nach nur drei Monaten seiner Existenz etwa 3.000 Tote registriert.

Trotz des mörderischen Einsatzes von abertausenden von Arbeitssklaven, die das Konzentrationslager Mittelbau-Dora in unbegrenzter Zahl zur Verfügung stellte, wurde eine signifikante Steigerung der Rüstungsproduktion nicht erreicht. Der Untertageverlagerung kam außer ökonomisch zweckrationalen Aspekten wie Maschinenschutz, fristgerechten Auftragsabwicklung und Belegschaftssicherung zunehmend ein rein mythischer Wert zu. Die wirtschaftlich und militärisch sinnlosen Projekte wurden mit einer solchen Entschiedenheit betrieben, dass deutlich wurde, wie sehr die Untertageverlagerung zum Selbstzweck geworden war.